Dienstag, 14. Februar 2012

Wie aus Medizinern Scharlatane werden

ACHTUNG! Ich bin umgezogen! Dieses Blog wird nicht mehr lange existieren; alle Einträge und sämtliche folgenden findet der geneigte Leser hier: Cloudpharming.

"Ich hätte da lieber was Sanftes, Natürliches. Deswegen will ich jetzt mal Homöopathie ausprobieren."
"Bei mir/meiner Tante/meinem Pferd hat das aber geholfen!"
Schon tausend mal gehört. Leider auch das hier:
"Mein Arzt hat mir Homöopathika verschrieben!"

Schlimm genug, daß der Irrglaube, Homöopathie und sonstige esoterische Spielereien könnten irgendetwas anderes bewirken als die rasche Verkleinerung des Portmonnaie-Volumens, in weiten Teilen der Bevölkerung munter vor sich hin wuchert. Da bekommt ein Mann das Bundesverdienstkreuz dafür, daß er den Zuckerkügelchen- und Wasservertrieb zu medizinischen Zwecken fördert - und das im 21. Jahrhundert in Deutschland. Noch bestürzender ist, daß jeder zweite, den man mit den Tatsachen des "Wirk"prinzips der Homöopathie konfrontiert, sofort feststellt, daß das großer Schwachsinn sei, von dem er vorher noch nichts gewußt habe. Aufklärung tut also Not - doch von wem soll sie kommen? Immer mehr Ärzte schmücken sich mit der Zusatzbezeichnung "Arzt für Naturheilkunde" - kaum ein Praxisschild ohne das böse Wort mit N. Woran könnte es liegen, daß Ärzte nach sechsjähriger Ausbildung diesem Humbug verfallen?

Homöopathie ist nutzlos und kann gefährlich sein. Die Vorstellung, daß ein "schlechter" Wirkstoff, so lange verdünnt, bis kein einziges Molekül mehr im Lösemittel herumschwimmt, Gutes bewirken könne (z.B. Blei oder "Sonnenfinsternisstrahlen") klingt nach Zauberstunde im Märchenland. Und ebenso wie bei anderen esoterischen "Heil"methoden (Akupunktur, Bioresonanztherapie, Schamanismus, Chakrenreinigung...) besteht hier das Risiko der Krankheitsverschleppung bei unzureichender Therapie; schwerere Erkrankung (v.a. bei Kindern mit esoterikbegeisterten Eltern), Ansteckung anderer (z.B. mit schwachem Immunsystem), und dergleichen mehr. Für nichts Geld zu verlangen halte ich außerdem für äußerst fragwürdig. Denn der Nutzen dieser Therapien ist niemals (!) in neutralen, randomisierten Doppelblindstudien mit einer ausreichenden Anzahl an Testpersonen belegt worden.

Also - wieso tun Mediziner sowas? Das Problem ist, daß Medizin sich gerne mal "Erfahrungswissenschaft" nennt, sie fußt - vor allem in ihrer angewandten Form - stark auf Empirie ("Doktor aus Pappmaché") und wenig auf wissenschaftlichen Daten, was durchaus vernünftiger wäre. Mit dem Satz "Wer heilt, hat Recht" wird eifrig herumhantiert (gerne eingeleitet von einem selbstbewußten "Ich sach ja immer..."), wissenschaftliche Wirkprinzipien werden nicht einmal erfragt. Vor allem im klinischen Teil des Studiums, nach dem Physikum, wird so operiert. Die einzige "Chance" für Mediziner, mit echter Wissenschaft in Berührung zu kommen, ist der vorklinische Abschnitt des Studiums mit Fächern wie Physik, Biologie, Chemie, Biochemie und Physiologie. Das Problem hierbei: die Studenten bekommen die Daten vorgesetzt, aber nicht die wissenschaftliche Denkweise und Methode. Ein Mediziner muß kein einziges Paper gelesen haben, nicht verstanden haben, wie man Daten erhebt und Statistiken auswertet*: er lernt einfach das entsprechende Buch auswendig. Und genau da liegt das Problem: kritisches Denken und Hinterfragen, Skeptizismus lernt er nie. Und das ist der fruchtbare Boden für Esoterik und "Alternativmedizin".
Ein Standardwerk, das diesen fleißig beackert, ist das Buch "Chemie für Mediziner" von Zeeck, Grond & Papastavrou, unter Medizinstudenten gemeinhin bekannt als "der Zeeck". Jeder kennt ihn, fast jeder lernt mit ihm - er ist weit verbreitet. Und das ist der Skandal. Das Buch rühmt sich damit, nicht nur die chemischen Zusammenhänge aufzuzeigen, sondern auch medizinisch relevante Ausflüge in kleinen roten Kästen zu unternehmen. Also, wir erinnern uns: Vorklinik, Chemie - die einzige Chance für einen Mediziner, etwas mit Wissenschaft zu tun zu kriegen - "Medizinkasten" - uuuuund los:

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Man möge mir bitte meinen zeichnerischen Wutanfall verzeihen, aber ich war fassungslos, als ich das in meinem Chemiebuch stehen sah. Völlig unkritisch wird hier das Homöopathie-Prinzip als Fakt dargestellt und in einen pseudowissenschaftlichen Zusammenhang gebracht. Einige Seiten später wird das dann auch erklärt: Wasser-Assoziate, also Cluster, die sich aufgrund der H-Brücken bilden, sind von Substanzen in ihrer Form beeinflußbar und behalten diese Form bei, sie bilden einen dreidimensionalen Substanzabdruck und speichern so Informationen. In den Fragen am Kapitelende, die zur Selbstkontrolle dienen sollen, wird noch einmal gefragt: "Wie stellt man sich vor, daß Wasser Informationen speichert?"

Aber das war noch längst nicht alles. Im Informationskasten über Fließgleichgewichte im menschlichen Körper befindet sich ein recht kryptischer Satz: "Paradox ist, daß das seelische Gleichgewicht des Menschen kein stoffliches Äquivalent im Körper hat. Seelische und geistige Prozesse in ihren unterschiedlichen Qualitäten entziehen sich der thermodynamischen Kontrolle, hier gelten andere Gesetze."
Ja. Total paradox.

Aber - kaum vorstellbar, dennoch wahr - es wird noch abstruser. Nach dem haarsträubenden Einleitungssatz (remember: Chemiebuch!) kommen die Biophotonen ins Spiel, und mit ihnen das Konzept des Vitalismus.  Danach wundert einen wirklich nichts mehr:

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Das Buch ist gespickt mit solchem Humbug - die völlig kritiklose Darstellung überläßt es nun dem in wissenschaftlichem Denken nicht geschulten Studenten, diesen Quatsch zu glauben oder nicht. Und da die Vorstellung von der unglaublich sanften, nebenwirkungsfreien, lichterfüllten und positiven Metaphysik-Eso-Medizin so verlockend ist, fallen viele darauf herein.

Aber wie kann so ein Buch "passieren"? Ich habe versucht, mich ein wenig schlau zu machen über die Autoren. Prof. Dr. Axel Zeeck scheint ein "normaler" Wissenschaftler zu sein, er betreibt eine Firma namens "BioViotica", die "biologisch aktive Naturstoffe" aus Bakterien und Pilzen gewinnt und verkauft. Das sieht für mich, die ich davon wenig Ahnung habe, jedoch nicht nach Schwachfug aus. Kritisch wird es erst, wenn ich die Mitautorin Sabine Zeeck betrachte. Denn die führt eine "ganzheitliche Apotheke", die "richtige Pharmazie" (ihre Aussage, s. hier) betreibt, indem sie österreichische Heilkräuter verarbeitet und verkauft. Und so möchte Frau Zeeck, "klassische Pharmazie und Naturheilkunde" verbindend, ihre Apotheke betreiben:
Sie plant Veranstaltungen mit einer Heilpraktikerin über klassische Homöopathie, Ausflüge zu einem ökologisch betriebenen Pilzhof im Brandenburger Land, Events mit gesundem Buffet, Vortrag und Fragerunde, bei denen sich die Teilnehmer austauschen können.
Was soll man da noch sagen? Außer vielleicht "Was hat so eine auf der Autorenliste eines Chemiebuchs verloren?" ... Was ist mit den anderen Autoren, wieso ergingen die sich nicht in lautem Protest, bis diese Passagen entfernt waren? Man muß sich den Impact dieses Buches und die Anzahl der Studenten, die in der trockenen Vorklinik jeden Tropfen klinischen Wissens ins sich aufsaugen und damit diese Kästen mit besonderem Eifer lesen, einmal vergegenwärtigen. Was dabei rauskommt, kann ja nur trauriger Mumpitz sein, der dann an den Patienten ausgelassen wird.
Ich bleibe bei der Forderung, das Medizinstudium wissenschaftlicher zu gestalten und angehende Ärzte so gegen gefährlich falsche Vorstellungen zu immunisieren, sodaß Patienten sauber aufgeklärt werden und den Gefahren der Scharlatanerie entgehen können!

* Eine Leserin wies mich darauf hin, daß es offenbar ein Fach im Medizinstudium gibt, das sich mit Statistik beschäftigt. Das ist erfreulich, aber auch erstaunlich, angesichts der Tatsache, daß der "Durchschnittsmediziner" sich damit doch sehr, seeehr wenig beschäftigt. Fakt bleibt allerdings, daß die wissenschaftliche Methode leider nicht gelehrt wird in einem Studium, für das sie so wichtig wäre wie für (fast) kein zweites...
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Disclaimer: gegen wirksame Alternativmedizin, also solche, deren Nutzen in randomisierten Doppelblindversuchen eindeutig nachgewiesen wurde, ist nichts zu sagen. Ebensowenig gegen Stoffe, die aus der Natur kommen; viele Arzneipfanzen haben durchaus wirksame Bestandteile. Nur wirken müßen sie.