Samstag, 24. Dezember 2011

Glaubensbekenntnis

von Rainer Maria Rilke

Ihr lippenfrommen Christen
nennt mich den Atheisten
und flieht aus meiner Näh’,
weil ich nicht wie ihr alle
betöret in die Falle
des Christentumes geh.

Ich weiß es, eure Lehren,
die wissen zu bekehren,
die machen fromm und – dumm.
Denn nur damit ihr sündigt,
hat man euch einst verkündigt
das Evangelium.

Und eure Priester sorgen,
daß heute oder morgen
euch nicht mehr Klarheit wird.
Wacht mit Gesetz und Strafe
doch über seine Schafe
der ‚unfehlbare’ Hirt.

O! heil’ger weiser Vater,
der du des Herrn Berater
auf dieser Erde bist,
Du bist der erste Sünder –
verzeih, ich sags gelinder:
du bist der erste Christ.

Und deine Lämmer lehren:
Die Dreiheit sollt ihr ehren
jetzt und in Ewigkeit.
(Füllt nur den Opferkasten, -
dann seid ihr von den Lasten
der Schulden bald befreit.)

Die Schafe folgen alle,
sobald mit lautem Schalle
die Kirchenglocke hallt; -
sie fühlen sich entschädigt,
wenn nur der Pfaff die Predigt
verschlafen niederlallt.

Der spricht von Tod und Ende,...
sie falten ihre Hände
und weinen sich halb blind.
Dann murmeln sie ein: Amen,
und gehn... – in Gottes Namen, -
wie glücklich sie doch sind! -

Sie sind ja doch gereinigt
und werden nie gepeinigt
von Fegefeuerglut.
Christ ist für sie gestorben,
hat ihnen Heil erworben
durch sein geheiligt Blut.

Er lehrte sie dies Leben
und alles – hinzugeben
wie er, - der Menschensohn.
Einst würd’ in andern Welten
Gott Vater es vergelten
mit seinem höchsten Lohn!...

„Du wirst dann untergehen“,
ruft ihr „nicht auferstehen,
wenn die Posaune gellt!“
„Habt Dank, - ich bleibe liegen,
ich lasse mir’s genügen
an dieser einen Welt. –

Ich glaub an eine Lehre,
von der man sagt, sie wäre
auf Erden selbst sich Lohn.
Die Lehre, die ich übe,
die Lehre heißt die Liebe,
sie ist mir Religion.“