Montag, 31. Januar 2011

The beauty of a mind

Einem wunderschönen Menschen.

I witnessed beauty. Strength it hath!
Did not know why it came, nor whence.
A mind that rankly walks its path,
Fire at heart, lust in its glance -
But then, bereaved of all the wrath,
Smiles gentleness and innocence.

It stands forlorn, of firmest kind,
Yet in awe, the world to see.
But now, with our cores that bind,
With this kiss, let me show to thee:
The beauty of your longing mind
And all the bliss it is to me.

(c) Claudia, 2011

Wos wird da gspuit?!

Tief erschüttert mußte ich in der jüngsten Vergangenheit festellen, daß der allgemein als Saupreiß bekannte Bürger ein offenbar nicht allzu positiv gefärbtes Bild vom Bayern hat! Wos is da los?! Man mag Bayern vielleicht nicht üüüberall als Wiege der Zivilisation anerkennen, aber einen solchen Spott hat das Herkunftsland der Weißwurscht nicht verdient.

Ich möchte zunächst kurz meine Position darlegen: ich wurde auf bayerischem Territorium von einer Vollblut-Allgäuerin geboren, habe dort auch die erste Zeit meines Lebens verbracht und bin laut großväterlicher Aussage eine "Allgäuerin der ersten Stunde". Die eine Hälfte der Verwandtschaft lebt in Oberbayern, die andere im Allgäu und ich nach Aufwachsen im feindlichen Schwabenland nun in NRW. Man könnte mir also durchaus bayerische Herkunft attestieren.
Nun, mit eben jener hat man es ja wohl nicht mehr leicht, heutzutage!
Ob ich mich nicht für meine schuhplattelnden Volksmutanten-Bundeslandkameraden schäme, wurde ich gefragt. Okay, wenn das pars-pro-fuckin'-toto-Spiel gespielt werden soll, DAS kann ich auch! Wo bitteschön bleibt dann aber mein verdammter Balkon? Ja, genau der, auf den ich mich stellen werde, wenn ich mit dreisekündigem Schuhplattlerschämen fertig bin, um mich vom Volk als Bringerin von Brezel und Bier euphorisch feiern zu lassen. Einem Szepter gleich werde ich die Brezel schwingen, die auch schon in Nordrhein-Westfalen aus jeder Bäckereiauslage strahlt...
Als ob ein paar jaulende, voluminöse Volksmusik-Vollaffen in margarinös glänzender Feistesse mir diese kulinarischen Errungenschaften kaputtstampfen könnten... wir (ja, temporärer Solidarisierungsprozess ist mittlerweile eingeleitet) haben mit Gamsbart, Weißwurscht und Biergarten noch so viel mehr für das deutsche Volk getan: nicht umsonst ist das in die Welt transportierte Stereotyp des Deutschen nicht der Rheinland-Horst, der mit Currywurst und gelb beflecktem Feinripp-Unterhemd "Süüüüüülfia! Bring misch ma nochen Biehr bei!"-schreiend und auf wundersam polyphone Weise gleichzeitig beeindruckend laut rülpsend auf dem verlausten Zweiten-Weltkriegs-Sessel seiner Omma vor dem Fernseher sitzt, sondern der gepflegte, allenfalls leicht alkoholisierte Krachlederhos'n-Schorsch, der gemütlich im Biergarten zu Volksmusi schunkelt und ein paar harmlose, allenfalls amüsant-sinnentleerte Sprüchlein von sich gibt ("Die hot ja no a recht's Holz vor da Hütt'n!").
Die Schlagkraft dieses Bilds scheint so massiv zu sein, daß sie sogar in den USA und in China ganz langsam den zornigen kleinen Mann mit dem witzigen Oberlippenbart verdrängt. Hör ich dafür ein leises "Danke..."? Nein! Aber ich will es euch Undankbaren anhand dreier kleiner Listen einfacher machen.

Erstens: Dinge, für die ich mich ganz sicher nicht schäme
  • Zu allervorderst: Edmund Stoiber. Auch wenn seine Frau eine Muschi hat, äh, ist, er Blumen hinrichten läßt und offenbar vom Bildungsministerium mit dem Sonderauftrag der Umlaut-Promotion mit Augenmerk auf ä(h) und ö(h) betraut wurde, so ist er doch ein respektabler Mann. Immerhin hat der gleißende Weißhaar-Häuptling mehr komödiantisches Potenzial als sämtliche "Comedians" hierzulande zusammen, und er will das im Gegensatz zu denen nicht mal! Der so charmant sprachbehinderte Ausnahmeregent ist ein Wahrzeichen. Ich steh auf seine unerschütterliche Affinität zur Blamage. Ein Mann mit Mut!
  • Das gerollte "r". Es klingt episch, herrisch und machtvoll. Man muß ja nicht folgen, wenn der Preuße darum bittet, "räudige Rentner rollen nackt ums Rathaus" zu sagen. Keinen Respekt...
  • Dirndl und damit verbunden die in Fachkreisen als "Hupenschau" bekannte Exposition der sekundären Geschlechtsmerkmale der Frau. Eine beeindruckende Demonstration der Fruchtbarkeit, ein braves und freud-iges Dem-Ruf-des-Darwin'schen-Diktats-Folgen, eine männeraugenfreundliche Balztracht (wenn man von Stilbewußtsein und Geschmack einmal zu Reproduktionszwecken Abschied nimmt; aber bitte, liebe Männer - die Liste der "trotzdem"-befruchteten Doppel-X-Chromosomenträgerinnen ist lang, fängt bei Deiner Mutter an, endet bei Britney Spears noch lange nicht und beweist, daß EUCH das nun wirklich nicht schwerfällt).
Zweitens: Dinge, denen gegenüber man in Anbetracht der eben genannten Dinge die Augen auch mal zudrücken kann (ja, beide!):
  • Marianne & Michael
  • Schuhplattler (Jahaa...)
  • Gabriele Pauli
  • diese merkwürdigen Socken 
Drittens: Dinge, für die ich mich vielleicht ein kleines (!) bißchen schämen könnte:
  • Oktoberfest
  • FC Bayern (Ruhe! Ihr habt Calli, der zählt dreifach!)
  • leicht inzestuöse Familienverhältnisse in evtl. etwas zivilisationfernen Dörfern
  • minimal überbordender Katholizismus
  • Ratzepoop
  • der Hitler-Ludendorff-Putsch
Wie wir sehen: Kleinigkeiten. Quasi nichts.

Also empfehle ich allen Kritikern, Ruhe auf den billigen Plätzen, aber auch in den exklusiven Rängen einkehren zu lassen; denn - immer dran denken -: wenn uns sonst nichts bleibt, nach einem GAU beliebiger Art, bei dem uns eure Zilvi... Zifil... Ziviliss... - wasauchimmer-Dingsis auch nichts bringen und allenfalls dekorativ wirken, bleibt uns immernoch... die BREZEL! So schaugt's aus!!

(verstohlener Link)

Der demütigendste Moment des Tages


Ich sitze, wie so oft, im Zug. Und gerade wurde ich eines Anblicks habhaft, der in seiner erschreckenden Wirkung und absoluten Unschönheit sicherlich von nichts mehr übertroffen werden kann in den nächsten 24 Stunden. Deswegen taufte ich ihn noch in der Sekunde des Geschehens auf den in der Überschrift vermerkten Namen.
Zur Sache: Wer hätte ahnen können, daß der Zug von einer großen Metropole in NRW zur nächsten um acht Uhr morgens brechend voll ist? Genau. Niemand. Deswegen saß ich mal wieder vollkommen unvorbereitet auf diese Situation und daher zurecht erzürnt auf den Stufen, die in das obere Stockwerk des Regionalzugs führen (in Ermangelung besserer Sitzplätze und ja, unter Inkaufnahme einer Infektion mit Hepatitis A, B, C, X, Y oder Z). Es trug sich zu, daß der Zug irgendwann so voll war, daß auch keine weiteren Stehplätze als die auf den Stufen verfügbar waren. Und da nahm das Inferno seinen Lauf… die Menschen hatten sich also positioniert, der Zug fuhr los, doch irgendwas stimmte nicht. Meine Fledermausohren detektierten monströse Erscheinungen in unmittelbarer Reichweite.
Ich legte also, detektivisch veranlagt, wie ich bin, den Kopf in den Nacken, nichts böses ahnend – und da war er. Wobei das Verb „sein“ der massiven Erscheinung sicherlich nicht mal im Ansatz gerecht wird. Über mir prangte, ja, thronte ein riesiger, dicker Arsch. Er „war“ da nicht nur, er  imponierte furchteinflößend, er kränzte mein Gesichtsfeld wie ein adipöser, fettgleißender Heiligenschein. Dieser Appendix einer Frau (oder war sie vielmehr sein Appendix?) schwebte über meinem Kopf und erweckte in mir ernstliche Ängste davor, was passieren würde, wenn die Gravitation komplett durchdrehen würde  (oder auch nur ihren Tribut fordern; im Fall des Monsterhinterns sollte das wohl schon reichen).
Dann fing der Arsch an zu reden. Ich verstand nur kurzes und abgehacktes Gebrabbel auf rheinländisch. Vermutlich war ich für semantische Überwachungen einfach noch zu verstört. Ein Schrecknis hatte mich ereilt. Was soll nun aus dem kläglichen Gerippe dieses Tages noch werden? Das „heute“ ist mir verleidet…

Mal über was anderes dichten


… als über dieses Emotionszeug und so. Diesen Anspruch habe ich heute an mich selbst. Soll ja immerhin Kunst sein, und wir leben in der Moderne. Seit wann braucht moderne Kunst denn bitte Gefühl? Na also.

Litfaßsäule – eine Danksagung

Du sprießt kündend aus dem „eben“:
Strahlend. Und des Volkes Aug’
Zieht aus Dir das Licht und Leben
Und Reklame, die was taugt.

Karierte Reisetaschen – Hymne an die Dekadenz

Reicht nicht Stauraum, müder Wand’rer?
Gut ausseh’n kann auch ein and’rer.
Muß kariert er sein und bunt?
So keift der Welten Niedergang
Wo simples Kofferwerk nicht langt:
Die marmorierte letzte Stund.

Bäckertüten - eine Anklage

Verstohl’nes Rascheln, rote Wangen.
Dezentes Naschen? Nein, Du Tor!
Wie die Vöglein einst den bangen
Dieben laut entgegensangen
Führt raschelnd Dich das Tütchen vor!

Und zum Schluß etwas über  dicke alte Frauen mit zu viel Make-Up in den Falten und Nuttendiesel mit Kilometerreichweite.

Klopf, klopf! Verzeiehen Sie, Madame,
Ich muß was auf die Nase binden.
Mit der Visage stören Sie
Charmant und penetrant wie nie
Sehr mein ästhetisches Empfinden.

Klopf, Klopf! Entschuld’gen Sie, Madame,
Auch olfaktorisch ist das schwer.
Ihr sicher teurer Iltisduft
Liegt nicht grad leise in der Luft
Und macht so ziemlich garnichts her.

Fertisch!

Montag, 24. Januar 2011

Vormittagserkenntnisse

Die meisten meiner Einfälle habe ich während des Zugfahrens. Nah- und Fernverkehr haben Schuld an vielen der hiesigen Blogeinträge und sonstigen Machwerke. Und so auch heute: der Vormittag im Zug bescherte mir viele Erkenntnisse; und zwar nicht nur die, daß Montag morgens um elf offenbar niemand nach "Emmerüsch" will und der Zug daher erfrischend leer ist. Schade, daß ich nicht weiter nach Emmerich, sondern umsteigen mußte. Vielleicht werde ich mir aber beizeiten das Vergnügen gönnen und mit dem Zug bis dorthin durchfahren, um die Ruhe zu genießen (ich als Süddeutsche habe ja festgestellt, daß derlei drastische Maßnahmen mitunter notwendig sind, um im Gebiet Rhein/Ruhr mal ein wenig davon zu erhaschen).

Nun gut, aber darauf will ich nicht hinaus. Ich hatte und habe ein belegtes Brötchen der Erkenntis (und des Frühstücks) in betreffendem Zug. Natürlich nicht "belegt mit Erkenntnis" - das wäre ja entweder kryptisch oder verrückt oder beides. Und das bin ich natürlich bekanntermaßen beides nicht. Nein, vielmehr frage ich mich, ob mir die Ingredienzen meines Brötchens wohl bekannt vorkommen sollten. Ob das Brötchen und ich nicht alte Verwandte sind. Und die Antwort, zu der ich komme, ist - Ja! Nein, nicht "Aaaaach, Inge-Gertrud, Möööönsch, Dich hab ich ja schon SO lang nicht mehr gesehen! Gut siehsse aus! Watt macht die Kunst? Muß, ne?"-verwandt, sondern sehr viel kosmischer.
Denken wir an einen weit entfernten Punkt und eine lang vergangene Zeit. Ich spreche von ca. 14 Milliarden Jahren; ich spreche von Singularität. All die schönen Dinge, die unser Universum so zu bieten hat - riesige Sterne in noch riesigeren Galaxien, Planetensysteme, Gasnebel,  Hugh Jackman, Knoblauch, Zeit, Eierschalensollbruchstellenverursacher, Quasare, Inuit etc. - waren schonmal in einem etwas... äh, "anderen" Zustand. Klein, heiß, kompakt (und das geht weit über kleinwüchsige, muskelbepackte Unterwäschemodelle hinaus!) - bis in die Unendlichkeit. Ein winziges Energiebündel, das ALLES enthält und in die Existenz hineinexplodiert. Darin enthalten: Du, ich, Dein PC, mit dem Du diesen Eintrag liest, die Tastatur, auf der ich ihn schreibe, der Kaffee, den Du dabei trinkst, das Brötchen, das ich gerade esse. Wir alle waren unendlich nah beieinander. Wir waren in einer geriiiiingfügig anderen Konfiguration eins. Voll gut!
Mein Bruder, das Brot.

Es gibt Theorien, die davon ausgehen, daß sich das Universum nach maximaler Expansion wieder zusammenzieht und neuerlich in die Singularität verfällt. Sollte dem so sein, werde ich der Bäckereifachangestellten, die mir das Brötchen verkauft und dabei die Existenz der Eierscheiben darauf verschwiegen hat (baaaaaaah!), bei dortigem Wiedertreffen dermaßen die Leviten lesen, daß Fetzen, Quarks und Elektronen nur so fliegen...
Zurück zum Brot an sich. Während ich mich ein wenig angeekelt (Ei, Sie wissen schon) einem weiteren Akt der fraternalen Verspeisung hingebe, wird mir klar, daß Fred und ich (ich habe ihm einen Namen gegeben) vermutlich auch mal Nachbarn und als solche Teile eines großen und nun toten Sterns waren, der nach sicherlich äonenlanger Tätigkeit in einem kosmischen Aufbäumen, einer stellaren Agonie seine Überreste, aus denen wir hervorgingen, in das Weltall geschrien, geächzt, gestöhnt hat. Sterne können also lecker sein. Können. Nicht, wenn Ei im Spiel ist. Daraus (und aus all dem anderen Beschriebenen) ergeben sich für mich drei vormittägliche Erkenntnisse.
  • Was für ein schöner Gedanke: wir waren ewig und werden auch ewig sein (wie Herr John Frusciante sagt: "What is has always been and will always be"), und für diesen kurzen Moment haben Chaos, Zufall, Naturgesetze (und Käsesteak) dazu geführt, daß sich dieser Materiematsch in eine Form gefügt hat, die befähigt ist, diesen vermeintlich sterilen und kalten Weltenlauf wahrzunehmen, zu erforschen und auch noch zu genießen und zu bewundern. Ein Grund mehr, das Hiersein herrlich zu finden. Wenngleich tatsächlich "Bleiben" nirgends ist. Die Formwandelbarkeit ist unumgänglich. Hermann Hesse schreibt: "Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen". Wir sind ewig, aber wie - das obliegt den o.g. Einflüssen (und ja, ewig; allein die Formulierung "vor dem Urknall" ist unzulässig, da er auch die Zeit gebar. Ob nun als WIMP, als Mensch, als wabernde Energie - irgendwatt is immer). Ich lasse das sich daraus ergebende (und uns überdies durch sich daraus ergebende Limitation zur Liebe bemächtigende) Gefühl mal von anderen Menschen formulieren...
Twirling around with this familiar parabol.
Spinning, weaving round each new experience.
Recognize this as a holy gift and celebrate this chance to be - alive and breathing.

This body holding me reminds me of my own mortality.

Embrace this moment. Remember. We are eternal.
All this pain is an illusion.
   - Tool, aus "Parabol." Für eine überzeichnete, ja - poetisch-bildhaftere Umschreibung dessen: das Video.
  • Sollten wir nicht Frau Schmitt von gegenüber weniger doof finden, wennn sie mal wieder mit Fernglas in unser Wohnzimmer linst; oder Herrn Hüttchen, wenn er die halbe Bahn influenzös vollrotzt? Oder Schakkeline (16), wenn sie rauchend am Kinderwagen ihres vierten Kindes steht? Immerhin waren wir alle eins und das in der wärmstmöglichen Verbrüderung (also, rein physikalisch betrachtet)... oder eben Richie, der seine Frau schlägt und Ratzepoop, wenn er mal wieder ein paar Callboys einbestellt und fleißig an der AIDS-Vebreitung und der sexuellen Restriktion für den Rest der Menschheit arbeitet...? Okay, wait, that was some kind of a bad idea... Dezentes Räuspern an dieser Stelle.
  • Man sollte niemals ohne Blatt und Stift verreisen, das sei meine letzte Folgerung. Manchmal sind es die besten Freunde, die man hat.

    (... und alte Bekannte aus Singularitätszeiten! Hell yeah!) 

Dienstag, 18. Januar 2011

The god of love provides for hate

"We've heard some pretty extreme statements of hatred and bigotry - such as I haven't really heard before. I don't see what future the world has as long as people think like that. And people are going to go on thinking like that - as long as they're brought up, from childhood, from the cradle, to think that there's something good about faith. To think that there's something good about believing because you've been told to believe rather than believing because you've looked at the evidence."
       - Richard Dawkins, "The Root Of All Evil - The God Delusion"

L'amour détruit

Was mich heute besonders gerührt hat, war ein Abschnitt aus Albert Camus' "L'Étranger"; darin beschreibt der Protagonist Meursault die Beerdigung seiner Mutter. Meursault selbst ist keine gewöhnliche Person; vielmehr beeindruckt er durch seine schiere Gleichgültigkeit und Wertungsfreiheit allem gegenüber. Was er erzählt, beschreibt er viel eher und läßt dabei jegliche Emotion aus dem Spiel. Vor diesem Hintergrund fand ich seine Beschreibung des verwitweten Geliebten (M. Perez) der Mutter - diejenige eines "herzlos" und unbeteiligt Anmutenden - besonders rührend und zugleich so faszinierend, daß sie hier ihren Platz finden soll. Auch, weil das Buch beeindruckend und durchaus empfehlenswert ist!
Wie einer, den Sartre als "l'homme absurde" (s.u.) beschreibt, das gebrochene Herz eines Liebenden, der sein Liebstes verloren hat, beschreibt, die absolute Sterilität dessen, was eigentlich das komplette Gegenteil von Sterilität erfordert und bedeutet, ist meisterhaft. Und nicht nur das; wie er durch das Erscheinungsbild des alten Mannes und sein Verhalten dessen Gebrochenheit andeutet, bricht einem doch das Herz. Die Liebe durch die Maske des Sterilen gesehen verdeutlicht ihr übermächtiges Wesen in all ihrer Schönheit und all ihrem Schmerz, wie ich finde.

"Il y avait [...] un vieillard à l'allure empruntée. J'ai compris que c'est M. Pérez. Il avait un feutre mou à la calotte ronde et aux ailes larges (il l'a ôté quand la bière a passé la porte), un costume dont le pantalon tire-bouchonnait sur les souliers et un noeud détoffe noire trop petit pour sa chemise à grand col blanc. Ses lèvres tremblaient au-dessous d'un nez truffé des points noirs. Ses cheveux blancs assez fins laissaient passer de curieuses oreilles ballantes et mal ourlées dont la couleur rouge sang dans ce visage blafard me frappa. [...]

J'ai encore gardé quelques images de cette journée: par exemple, le visage de Pérez quand, pour la dernière fois, il nous a rejoints près du village. De grosses larmes d'énervement et de peine ruisselaient sur ses joues. Mais, à cause des rides, elles ne s'écoulaient pas. Elles s'étalaient, se rejoignaient et formaient un vernis d'eau sur ce visage détruit. Il y a eu encore l'église et les villageois sur les trottoirs, le géraniums rouges sur les tombes du cimetière, l'évanouissement de Pérez (on eût dit pantin disloqué), la terre couleur de sang qui roulait sur la bière de maman [...]."
       - Albert Camus, "Létranger"

Das sagt Sartre zu diesem Buch, Camus und dem Phänomen Meursault:

"[...] Et nous-mêmes qui, en ouvrant le livre, ne sommes pas familiarisés encore avec le sentiment de l'absurde, en vain chercherions-nous à le juger selon nos normes accoutumées: pour nous aussi il est un étranger. [...] L'homme absurde n'explique pas, il d'écrit; ce n'est pas non plus un livre qui prouve. M. Camus propose seulement et ne s'inquiète pas de justifier ce qui est, par principe, injustifiable. [...]
De toute façon L'étranger est là, detaché d'une vie, injustifié, injustifiable, stérile, instantané, délaissé déjà par son auteur, abandonné pour d'autres présents."
       - Jean-Paul Sartre, "Explication de L'Etranger"

Montag, 17. Januar 2011

Ich liebe die Deutsche Bahn.

Das war eine Lüge. Mit dieser soll der Blogpost anfangen, den ich im Begriff bin zu schreiben; allerdings gelobe ich, ihn fortan nur noch mit wahren Statements zu füllen. Nun; die in der Überschrift genannte Lüge sollte mich quasi als Antiklimax zu meiner leicht apokalyptischen Laune wieder ein wenig herunterkühlen, als ich heute morgen am Startbahnhof meiner Reise 25min auf meinen Zug warten durfte, dank der Unzuverlässigkeit meines neuen Lieblingsvereins DB. Natürlich haben auch die Vertröst-Ansagen nicht richtig funktioniert, und immer wieder sagte die nette Frauenstimme nur „klick... klick... erspätung. Wir bitten um Entschuldigung.“ Aber, ach, was wäre das Leben ohne ein wenig Adrenalin am Morgen, nicht wahr? Es ist ja nicht so, daß die Bahnfahrt an sich, die sich über 2 Stunden ausdehnte, nicht überaus... interessant war.

Die Bahn war entgegen meiner Erwartungen glücklicherweise nicht so voll wie die Mutter eines Forensikers um die Mittagszeit (der werte Leser entschuldige bitte einen hier eingebauten sogenannten „Insider“), sodaß ich zügig einen Sitzplatz fand. Mir gegenüber saß eine blonde Frau, deren Erscheinungsbild mir ein Rätsel aufgab: Es war mir vollkommen unmöglich, ihr Alter einzuschätzen. Ob nun 15 oder 50, ich hätte es beim besten Willen nicht sagen können. Denn abgesehen davon, daß ihr Gesicht so durchlöchert war wie die Zielscheibe am Übungsschießstand für blinde Polizeianwärter, prangten dort derart viele Falten, daß ich nicht sagen konnte, ob das in seiner Konsistenz stark an den Rock einer 60jährigen Frauenrechtlerin erinnernde Gesicht nun drogenzerfurcht, alterszerfurcht oder von Schlaflosigkeit zerquollen war. Interessant, jedenfalls.
In der Zwischenzeit war ein Mittfünfziger mit Anzug und Zeitung eingetroffen, der mich mit seinem Blick und dem demonstrativen „Ich stell mir jetzt hier hin“-Getue nötigte, meine etwa 376 Taschen auf dem Boden und mir zu verteilen, um ihm einen Platz freizuschaufeln. Umgangsformen! Wieso auch etwas sagen? Ich strafte ihn mit zehnsekündigem dummen Zurückstarren und räumte dann augenverdrehend den Platz. Zu mehr Schlagfähigkeit bin ich morgens noch nicht fähig. Wieso sitzen solche Schnösel denn nicht in der ersten Klasse? Der Kerl ist doch sicherlich auch privat versichert. Dann hat er doch Geld. Eigentlich sollten privat Versicherte grundsätzlich in der ersten Klasse sitzen – und wenn sie das nicht tun, sollen sie sich gefälligst nicht so aufführen! Hmpf.
Neben der Faltenfrau saß eine ältliche Dame, die ich gerne als „Fischfrau“ bezeichnen möchte. Ihre Basedow-Augen und ihre Mundbewegungen verleiteten mich dazu. Jemand hätte der armen Frau mal sagen sollen, daß der Selbstbräuner mit Farbton „Kot“ ihr einfach nicht steht. Ich sehe ein, daß dies nach dem zweiten Weltkrieg schick oder sogar unumgänglich war, um sich die Trümmerasche aus dem Gesicht zu kleistern, aber irgendwer hätte die Dame wirklich darauf hinweisen können, daß diese Zeiten vorbei sind!
Nächster Halt. Nebst einem Mann mit dickem Bling-Bling-Kruzifix (was mich daran aufregt? Nun; erstens kann ich mit dem Symbol nichts anfangen, zweitens kann ich mit Bling-Bling nichts anfangen und drittens hätte Kumpel Jesus es sicher als Verballhornung seiner Qualen empfunden, wenn es ihn denn gegeben hätte) enterte nun ein kleines Männchen das sinkende Schiff, unter dessen Schildkappe bisweilen ein dezenter Husten mit Auswurf hervorkroch. Mjamjam. Dann begann sein Nokia-Handy mit einem 90er-Jahre-Klingelton auf Maximallautstärke zu klingeln. Herrlich.
Einen beinahe lustigen Kontrast dazu bot mittlerweile die geradezu lächerlich schöne Morgenkulisse aus rosarotem und goldenem Licht. Der Grund, aus dem ich das alles festhalte, ist der, daß diese ganze Szenerie für mich wie ein Kuriositätenkabinett anmutete. Mag an meiner eher ländlichen Herkunft liegen (an dieser Stelle wickle ich kichernd meine geflochtenen Zöpfe um meine Zeigefinger und fange an zu jodeln).
Nun möchte ich eine Frage in den leeren Blograum werfen: wieso setzen sich die fettesten Menschen eigentlich immer mit größter Zuverlässigkeit dort hin, wo am wenigsten Platz ist? Am nächsten Halt nämlich stieg die Piercingfrau aus und an ihre Stelle begab sich ein etwas unförmiges Etwas.
Zudem bestieg noch eine „junge“ Frau mit 80er-Jahre-Gedächtnisfrisur und einer Portion rosa Lipgloss auf den Lippen, die aussah wie der tödliche Unfall in einem Chemie-Farbwerk, die Bahn. Ihr imaginärer Name war Cindy, und sie war harmlos. Sie hüpfte bumsvergnügt wie eine dicke Gazelle in den Zug, fuhr eine Station, die man natürlich auch zu Fuß hätte erreichen können und stieg aus, um woanders weiterzugrasen (oder zu steaken, oder puddingen, oder was auch immer).

Die voluminöse Dame mir gegenüber, deren Nase beim Rückenschwimmen problemlos als Haifischattrappe durchgehen würde (eigentlich gerade in Australien oder so ein lukrativer Job, und vor allem für sie, denn als Insel mit diversen Bergen würde sie's auch tun... Kinderhüpfburg... alles möglich), versuchte dann wohl, poetisch und weise ins sich ausbreitende Sonnenlicht zu lächeln. Epic Fail. Das ist, als würde sich Sherringtons Spinalhund im Lap Dance versuchen oder... naja, als würde ein adipöser Gesichtselfmeter versuchen, filigran zu lächeln. Die gewaltigen Gesichtsmassen verschoben sich titanisch hin und her, spielten mit der Gravitation, betteten das Licht um und endeten endlich in einer grotesken Grimasse, die an sich wiederum das Sonnenlicht entstellte; den Soundtrack hierzu bildete der Auswurfhusten des Schildkrötenmannes.

Dicke Dame 1 stieg aus. Auftritt nächste Fettwumme, dick parfümiert und neben mir, obwohl sie zwei Plätze bräuchte. Ich hasste mein Leben.
Ich spürte die Wellen, die ihre Oberschenkel in den Kurven schlugen und konnte mir bildlich vorstellen, wie sie nach dem dritten Burger nackt vor dem Spiegel steht und sagt „Isch fühl misch wohl so, isch kannett tragen!“; woraufhin ihr 60kg-Schmächtling eifrig nickt und ein „Jaaa, isch will ja auch watt zum Reinfassen“ krächzt, wohl wissend, daß sie sich, täte er dies nicht, einfach auf ihn setzen und ihn mit einer ihrer Körperöffnungen oder Speckfalten internalisieren bzw. der Endofettose zuführen würde.
Hach ja... es ist schon recht lustig, wie sich Geschichten im Kopf aufspannen. Ich stellte mir beispielsweise auch vor, wie der bärtige, rothaarige Endzwanziger an der nächsten Bahnhaltestelle im Bioladen steht und nach veganen Rucksäcken fragt. „Hamsedie auch in khaki und ohne Lactose?“
Naja, na gut, gibt durchaus unterhaltsameres. Zum Beispiel die Vorstellung, daß Bud Spencer einfach auftauchen und die Dicke neben mir wegbashen würde. Eine Idee, die mir zugegebenermaßen ein paar Momente des Vergnügens bescherte, ehe ich mir des Elends neben mir wieder gewahr wurde.

Yeah! Auftritt grauhaarige Ökomutti mit Kind. Vielversprechend. Ein interessantes, aber durchaus erklärbares Phänomen ist der abnehmende Sinn für Ästhetik frischer Mütter. Nun, da sie ihre Fortpflanzungspflicht getan haben, müßen sie ja auch niemandem mehr gefallen.
Das Kind stellte sehr treffend fest, daß ich ja rote Haare habe und konstatierte im nächsten Moment, daß pinke Haare ja auch eine feine Sache seien und es solche selbst gerne hätte. Die Mutter hingegen nahm sehr liebevoll hin, daß ihr Kind zusammenhanglosen Kram brabbelte. Bemerkenswert fand ich in diesem Moment, daß viele Leute genau diese Fähigkeit, nämlich gequirlten Müll zu reden, ihr ganzes Leben lang nie verlieren; nur die Coping-Strategien des Umfelds verändern sich mit den Jahren.
An dieser Stelle begann ich mir vorzustellen, wie es denn sei, Menschen, die zusammenhanglosen Mist reden, jedes Mal mit einem „Joaaaaah... du-du-duuuu...“ zu begegnen, von Polit-Talk bis zum Vatikan, von Stoiber bis Mixa (no big difference), und mußte leise lachen.
Dann allerdings betrat eine obligatorische 16jährige zweifache Schakkeline-Mutter den Zug. „Siehsse, Sofia, datt is der Bauhof.“ First Level Child Education.
Hier nahm ich alles zurück und wollte die Ökomutter lobpreisen dafür, daß sie wenigstens mit ihrem Kind sprach, im Gegensatz zu Schakkeline, die ihre Aufgabe als Mutter offenbar auf die bloße Existenz reduziert hatte. Nach dem vierten Mal beantwortete sie mal die Frage ihres Sprosses, natürlich nicht ohne ein Höchstmaß an Genervtheit zu demonstrieren.
Das Kind freute sich überdies so diebisch über mein Grinsen, daß es mir das Herz hätte brechen können.
Anschließend rang sich die Gebärdame doch dazu durch, ihrem etwa dreijährigen Kind eine Frage zu stellen, als dieses verträumt aus dem Fenster blickte: „Und, watt is Du? Bisse schon in Trongs? (= Trance)“ In mir schrie alles nach Reproduktionsrestriktion für sozial Verarmte und Elternführerschein. Während die Ökomama die Hand ihres Kindes streichelte, antwortete Schakkeline auf die flehentliche Bitte ihres Kindes, auf den Schoß sitzen zu dürfen („Ich will zu Dir..“) mit „Brauchst doch nich bei mir auffön Schoß. Bist Du nochn Baby?“ Während die Ökomama ihrem Kind den Sonnenaufgang zeigte und sagte „Ich wollte Dir mal zeigen, wie schön das ist“ erheiterte Schakkeline ihre Brut mit Geschichten à la „Am Samstach stehenwa früh auf und fahren nach Bielefeld. Und nächste Woche muß isch zum Arzt.“
Traurige Welt.
Zum Glück war der Zug mittlerweile am Endbahnhof angekommen. Das Elend der Welt wird in Züge gepackt und mir vor die Nase gesetzt. Das fängt bei der DB an und hört bei Schakkeline auf. Das Gute daran ist allerdings, daß nichts meine Laune nachhaltig hat trüben können. Das könnte vermutlich nicht mal ein Atomkrieg. Tihihi.

P.S.: Auf dem Fußweg nach Hause habe ich gesehen, daß die Tierheilpraktikerin ein paar Häuser weiter geschlossen hat. Ich freue mich diebisch darüber. Warum wohl? Liefen die Geschäfte schlecht? Ja, und, wiesoooo wohl dieses? Etwa weil es himmelschreiende Scheiße ist, die einem dort für teures Geld untergejubelt wurde? Thanks, Captain Obvious!

Mittwoch, 12. Januar 2011

Down to where all forevers flow

Ein paar Zitate, die mich beeindrucken, geprägt haben, gefreut oder beeindruckt haben, angetrieben, Kraft geschenkt, heruntergezogen, nachdenklich gemacht haben:


"And on the day you fall - whose name would you call?"
- Devendra Banhart


"What seems lost is free from the force that slowly destroys us and kills all matter off..."
"All of us kids, we like to climb, to fall... once within, there's nothing better at all - than nowhere."
"Give me your hand... and we'll never die."
- John Frusciante


"Hinter der Zivilisation her ist die Erde voll von Schlackenbergen und Abfallhaufen, die nützlichen Erfindungen haben nicht nur hübsche Weltaustellungen und elegante Automobilsalons zur Folge, sondern es folgen ihnen auch Heere von Bergwerkarbeitern mit blassen Gesichtern und elenden Löhnen ... und daß die Menschheit Dampfmaschinen und Turbinen hat, dafür zahlt sie mit unendlichen Zerstörungen im Bild der Erde und im Bilde des Menschen ... während dagegen dafür, daß der Mensch die Violine erfunden, und dafür, daß jemand die Arien im Figaro geschrieben hat, keinerlei Preis bezahlt werden muß. Mozart und Mörike haben der Welt nicht viel gekostet, sie waren wohlfeil wie der Sonnenschein, jeder Angestellte in einem technischen Büro kommt teurer. "
- Hermann Hesse


"Ein Leben ohne Musik ist möglich, aber sinnlos." sagte so oder so ähnlich Loriot, und Nietzsche meinte dazu:
"Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum."

Ein großartiges Nietzsche-Gedicht:


"Denken Sie an den betrübenden Kontrast zwischen der strahlenden Intelligenz eines gesunden Kindes und der Denkschwäche des durchschnittlichen Erwachsenen. Wäre es so ganz unmöglich, dass gerade die religiöse Erziehung ein großes Teil Schuld an dieser relativen Verkümmerung trägt?"  
"Die Erkenntnis von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit durchs ganze Leben hat das Festhalten an der Existenz eines - aber nun mächtigeren Vaters - verursacht. Durch das gütige Walten der göttlichen Vorsehung wird die Angst vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt, die Einsetzung einer sittlichen Weltordnung versichert die Erfüllung der Gerechtigkeitsforderung, die innerhalb der menschlichen Kultur so oft unerfüllt geblieben ist, die Verlängerung der irdischen Existenz durch ein zukünftiges Leben stelt den örtlichen und zeitlichen Rahmen bei, in dem sich diese Wunscherfüllungen vollziehen sollen." 
- Sigmund Freud 

Aurora swims in the ether...

Der zitierte Text stammt vom US-amerikanischen Schriftsteller Henry Miller.
Er treibt mir bei jedem Durchlesen die Tränen in die Augen. Wieso und wann ich ihn erstmalig gelesen habe, weiß ich nicht mehr, er begleitet mich aber schon seit Jahren und beschert mir jedes Mal Bestürzung, aber auch Klarheit.

"Wenn es einen Menschen gäbe, der wagte, alles zu sagen, was er von dieser Welt gedacht hat, bliebe ihm kein Quadratmeter mehr, um sich darauf zu behaupten. Wenn ein Mensch erscheint, stürzt sich die Welt auf ihn und bricht ihm das Rückgrat. Immer sind zu viele morsche Säulen stehen geblieben, zuviel verfaulte Menschheit, als daß ein Mensch aufblühen könnte. Der Überbau ist eine Lüge und das Fundament eine riesige zitternde Angst. Wenn in Abständen von Jahrhunderten ein Mensch mit einem verzweifelten, hungrigen Blick in den Augen auftritt, ein Mensch der die ganze Welt umwälzen würde, um ein neues Geschlecht zu schaffen, wird die Liebe, die er in die Welt mitbringt, in Bitterkeit verwandelt und er wird zur Geisel. Wenn wir dann und wann auf Seiten stoßen die explodieren, Seiten, die verwunden und schmerzen, die einem Seufzer, Tränen und Flüche abringen, dann sollt ihr wissen, daß sie von einem aufrechten Menschen stammen, einem Menschen dem keine andere Verteidigung übrig bleibt als seine Worte, und seine Worte sind immer stärker als all die Foltern und Räder, die die Feigen erfinden, um das Wunder der Persönlichkeit zu vernichten. Wenn je ein Mensch wagen würde, alles, was er auf dem Herzen hat, auszusprechen, sein wirkliches Erlebnis, alles, was wirklich seine Wahrheit ist, niederzuschreiben, dann, glaube ich, ginge die Welt in Trümmer, würde in Stücke zersprengt, und kein Gott, kein Zufall, kein Wille könnte je wieder die Stücke, die Atome, die unzerstörbaren Elemente zusammensetzen, aus denen die Welt bestand."

Montag, 10. Januar 2011

Insomnia

Es ist so spät... 4 Uhr mittlerweile. Und doch bin ich wach; fand keinen Schlaf. Wer kennt es nicht, manchmal kann man erst ruhen, wenn man sein Werk vollendet hat, und das nun folgende wollte offenbar unbedingt noch vollendet werden...

Ich habe vom Kosmos mir Gnade erbeten
Und Läuterung von seinen stillen Propheten:
Den Sternen, die in der Schwärze thronen.
So wild hat mein Herz in die Leere geschrie'n
Dem Lichtermeer gar seine Stummheit verzieh'n
Um in der Unendlichkeit kurz nur zu wohnen.

Auch möchte der Welt ich die Schmerzen entreißen.
Um lieben zu können gleich Sternen, die gleißen
Muß Kummer ich und Elend spüren.
Ad astra! Dort werden, die Lichter sich nennen
Wenngleich ihre Herzen in Feuerglut brennen
Im kalten Nichts sich nie berühren.

Und wenn ich nun unverrichteter Dinge
Morgen den Weg alles Irdischen ginge
So hätte ich doch eine Ahnung vom Glück!
Der Funken, der moos'ge Ruinen befruchtet,
Zu Schlössern die Trümmerfelder wuchtet
Ließ', Welt, Dich mit zierlicher Hoffnung zurück.

Ich habe die zitternden Augen geschlossen.
Wo Stille sich in mein Herz hat ergossen
Dort reise ich hin. Die Lichtknospe treibt.
Und während die Ruhe mir Schlaflieder singt
Und langsam der Lärm der Gedanken verklingt
Da ist es Dein schläfriger Atem, der bleibt.

(c) Claudia, 2011

Geringfügig schlechte Laune...

... hatte ich wohl an dem Tag, an dem ich folgenden Text verfasst habe:


Vision / Drei Raben

Über den Katakomben unserer Seelen ergießt sich blutrot die Sonne.
Drei Raben fliegen über die Galgenberge, während der Geruch verwesender Leichname sich durch uns hindurch frißt.
Kein Licht -
Keine Hoffnung -
Nur vermodernde, kalte Seelenkadaver, deren letzte Schreie auf ewig in diesen verdammten Tiefen widerhallen werden, ausgehaucht von blutleeren Lippen.

Und alle Träume dieses Morgens,
All die Melodien singender und tanzender Kinderscharen,
All die Wärme des nunmehr gleißenden Lichts -
Sie alle werden nie ausreichen, ihn niederzureißen.
Diesen Geruch.
Diesen Geruch!
Diesen furchtbaren Gestank...


(c) Claudia, 2008

Bahnhofsgedanken

Als ich gestern am Ende der Welt bzw. dessen Bahnhof auf meinen Anschlußzug wartete, fiel mir das ein, was in diesem Blogpost lesbar ist. Viel Vergnügen dabei...:

Greise

Steinschwer die Tasche in der Hand
Windkalt wehen Schal und Haar.
Zwei Schritte bis zum Bahnsteigrand:
Will hin, wo ich noch eben war.

Und unter den lüsternen Blicken der Greise
Steh ich am Gleise,
Steh ich am Gleise.

Steinern schweigt die große Halle;
Einzig Kälte hütet sie.
Ein weit'rer Schritt nur bis ich falle:
Durch Tosen, Stürme, Melodie.

Und unter dem Argwohn im Blicke der Greise
Geh ich auf Reise,
Geh ich auf Reise.

Die Andacht und Stille hier möchten mich rühren
Und mahnen, schützen vor Leere und Pein.
Ich müße doch wissen: beim Öffnen der Türen
Kehren stets Gutes und Böses mit ein.

Und unter den zweifelnden Blicken der Greise
Scheint mir das weise,
Scheint mir das weise.

Ich habe längst die Wahl getroffen
Und hör des Zuges Rauschen nun.
Wo Augen, Herzen, Arme offen -
Dort will ich hin. Da mag ich ruh'n.

Und unter den traurigen Blicken der Greise
Sehne ich leise,
Sehne ich leise.


(c) Claudia, 2011

Dienstag, 4. Januar 2011

I Might Be Wounded

How could I deny the traces
That life and love have left?
How could the scars upon my skin
Fail to reveal these depths?
     The ravenous shadows
     That followed me through
     Might have left me wounded
     But I never knew.

How could I deny the dungeon
That pain and loss have built?
And will I, once I've torn it down,
Face fear and blood that's spilled?
      So this utmost darkness
     That carried me through
     Has stopped me from healing
     But I never knew.

How could I restrain the courage
This heart has kept within?
Ascension lies upon paths astray:
This journey has to begin.
     There's more to this burden
     This I must demand!
     I see stars from this gutter -
     Now I understand.

     I may find salvation
     In your gracious hands...

(c) Claudia, 2011


Mal nicht ganz so hochgeistig, aber ein wenig authentischer als vieles von dem hochtrabenden Zeug, das ich sonst den lieben langen Tag von mir gebe, nichwahr. :D