Freitag, 22. März 2013

Ich bin umgezogen!

Liebe Leser,

jetzt, da mein Blog etwas mehr als zwei Leser am Tag hat, habe ich beschlossen, auf eine neue URL "umzuziehen". Die neue Adresse findet Ihr, wenn Ihr hier klickt:

CLOUDPHARMING

Dort finden sich alle skeptischen Einträge aus Now/Here, und ab heute wird es auch nur noch dort weitergehen. Dieses Blog wird geschlossen. Ich freue mich auf Euch "drüben"!

Eure Claudia


Dienstag, 19. Februar 2013

Die gefallenen Frauen

ACHTUNG! Ich bin umgezogen! Dieses Blog wird nicht mehr lange existieren; alle Einträge und sämtliche folgenden findet der geneigte Leser hier: Cloudpharming.

Bald ist wieder Weltfrauentag. Viele Bewohner unserer Breiten scheinen diesen Tag für überflüssig zu halten (immerhin dürfen Frauen in einzelnen Kantonen der Schweiz schon ab 1990 wählen…), doch als Frau hat man allen Grund, die Rechte der Geschlechtsgenossinnen an diesem Tag feiern und ihre Einhaltung anmahnen zu wollen. Denn auch in Europa hatten einige Frauen bis in die 90er Jahre hinein unter schlimmen Misshandlungen zu leiden (von Zuständen in islamischen Theokratien heutzutage ganz zu schweigen).

Auf eines dieser Phänomene möchte ich in diesem Post besonders aufmerksam machen – und selbstverständlich hat es mit der katholischen Kirche zu tun. Aber keine Sorge, auch die Protestanten und Muslime tragen mit haarsträubenden Geschichten bei.
Es soll um die so genannten Magdalenenheime gehen. Diese Institutionen operierten fast das gesamte 20. Jahrhundert über in Irland; rund 30.000 Frauen gerieten in ihre Mühlen und wurden auf grausamste Weise missbraucht und ausgenutzt.
Die Magdalenenheime wurden von den Priestern und Nonnen des Magdalenenordens gegründet, benannt nach der Prostituierten, die als reuige Sünderin und „13. Apostel“ Jesus begleitete und ihm am Ende sogar die Füße waschen „durfte“. Gegründet wurden diese Heime, die meist Wäschereien waren, ursprünglich, um Prostituierte, „gefallene Frauen“, von der Straße zu holen und sie zu resozialisieren; ihnen Arbeit und Unterkunft zu bescheren. Innerhalb kurzer Zeit jedoch wandelte sich offenbar das Selbstverständnis des Ordens; Frauen wurden aus verschiedenen Gründen und ohne Prozesse oder Vorankündigungen in die Heime verschleppt. Wenn sie zu promiskuitiv schienen oder unverheiratet schwanger waren, wenn sie von einem Familienmitglied missbraucht worden waren und so Schande über die Familie gebracht hatten, wenn sie Waisen waren oder – wenn sie einfach nur zu hübsch waren.
Dort angekommen, mußten sie die Namen „heiliger“ Frauen annehmen oder wurden schlicht durchnummeriert, um fortan in den Wäschereien oder Fabriken unbezahlt Sklavenarbeit zu leisten, die meisten von ihnen noch Kinder. Dabei durften sie weder mit der Außenwelt, noch miteinander kommunizieren, sonst wurden sie drakonisch von den Aufsicht führenden Nonnen bestraft. Das ging so weit, daß junge Frauen darüber benachrichtigt wurden, daß ihre Mutter gestorben war - und zwanzig Jahre lang unerkannt und sich nach Kontakt sehnend an ihrer Seite gearbeitet hatte.
Die Mädchen schrubbten Korridore, bis ihre Knie bluteten und arbeiteten oft bis zum Umfallen oder gar dem Tod. Tausende Mädchen und Frauen haben die Zeit in diesen Einrichtungen nicht überlebt und endeten in anonymen Massengräbern. Andere berichten von dutzenden Selbstmordversuchen. Und wer zu fliehen versuchte, wurde von der Polizei wieder zurückgebracht und kahl geschoren.
Die Frauen flohen nicht nur vor der schweren Arbeit, sondern auch vor der Erniedrigung, die sie nur aufgrund ihres Geschlechts erfahren mußten. So wurden die Brüste abgebunden und sie mußten sich einmal in der Woche nackt ausziehen und vor den versammelten Nonnen auslachen lassen für ihre „Eitelkeit“. Zu Essen gab es Brot mit Bratfett, verdünnte Milch, wässrige Suppe und zwei Mal im Jahr ein Ei. Wer sein Essbesteck fallen ließ, mußte vom Boden essen und von dort um Vergebung betteln.
Maureen Sullivan, eine der wenigen Frauen, die ihr Schweigen brachen, berichtete von einem Vorfall in ihrer Jugend: sie hatte über Läuse geklagt und wurde in der Folge von den Nonnen regelrecht gefoltert: „Sie nahmen eine Schere und eine Stahlbürste und rissen damit an meinen Haaren, bis mir das Blut vom Kopf tropfte.“
Staat und Polizei nahmen das nicht nur hin, sondern kollaborierten sogar. Diese Frauen mußten all dies nur wegen ihres Geschlechts ertragen. Nun; wer sich mit der Geschichte der katholischen Kirche auseinandersetzt, wird nicht verwundert darüber sein, daß solche Dinge in Gottes Namen geschehen sind. So hat der Vatikan die Preisverleihung an einen Film, der sich intensiv mit der Thematik auseinandersetzt, scharf kritisiert.

Hier wird auf zwei Weisen deutlich, welch manipulative Kraft die Kirche durch ihre Hauptinstrumente - wie Angst und Misogynie – innehat. Die Psyche aller Beteiligten wurde so schlimm beeinflußt, daß sich die unterdrückten Frauen auch nach ihrer Entlassung und bis zur Schließung des letzten Heims 1996 (!) nie über ihre Erlebnisse zu sprechen trauten. Steve Humphries, ein Filmemacher, der die Aufklärung ins Rollen brachte, suchte lang nach Überlebenden, die sich trauten, darüber zu sprechen und wurde erst bei zwei terminal krebskranken Frauen fündig, die im Angesicht des Todes endlich den Mut fanden, ihre Geschichte zu erzählen. Den Frauen wurde so lange und so erfolgreich eingebläut, daß sie wertlos seien, daß sie es nie als ihr Recht betrachteten, über diese schrecklichen Erlebnisse zu sprechen. Die Psyche dieser Mädchen und Frauen wurde systematisch zerstört.
Und das – dies ist der zweite große manipulative Akt – von Frauen. Ein besonders perfides System, dessen sich erfolgreiche sexistische Systeme schon lange und erfolgreich bedienen; paternalistische Männer bringen Frauen dazu, im Namen Gottes oder irgendeiner Obrigkeit andere Frauen zu foltern und zu töten, ihre Leben zu zerstören und dabei auch noch das Gefühl zu haben, das Richtige zu tun. Das ist die bösartigste Form misogyner Manipulation, die ich mir vorstellen kann. (Und sie funktioniert – wie man hervorragend am Beispiel tausender religiöser Mütter sehen kann, die ihre eigenen Töchter rituell verstümmeln. )
Männer – hauptsächlich Priester und Familienväter – bestimmten, wer in ein solches Heim verschleppt wurde, Frauen besorgten den Rest.

Doch nicht nur die Katholiken machten sich hier die Hände schmutzig: in England gab es bis in die 70er Jahre auch zahlreiche solcher Heime, die von Protestanten geführt wurden. Und es hört nicht auf: die Magdalenenorden betreiben solcherlei Einrichtungen noch immer, mittlerweile jedoch verstärkt in Asien und Afrika.
Das war die Realität für mitteleuropäische Frauen. Bis vor weniger als 20 Jahren.

Und weil ich so viele schlimme Kommentare von Männern gehört und gelesen habe, die finden, Frauen sollten sich jetzt mal nicht so anstellen, habe ich noch einen kleinen Bonus von unseren Freunden aus dem nahen Osten. Solche Dinge geschehen Frauen auch jetzt noch. Vermutlich passiert ähnliches genau jetzt hunderten Frauen in Saudi-Arabien oder dem Iran.

Hier zum Beispiel ist ein Bild aus einem islamischen „Handbuch“, das in einer Grafik anschaulich darlegt, wie Frauen vor einer öffentlichen Steinigung zu präparieren sind.


Hier ein Bericht von einem muslimischen Kleriker, der seine fünfjährige Tochter anal vergewaltigt hat, danach versuchte, die Fissuren mit Verbrennungen wieder zu „kitten“ und sie anschließend tötete, weil er „Zweifel an ihrer Jungfräulichkeit“ anzumelden hatte. Er zahlte ein paar tausend Euro Strafgeld und muß keinerlei Strafe absitzen: klick.

Zuletzt etwas für starke Nerven; wer hier klickt, gelangt zu einem Video einer Frau, die öffentlich ausgepeitscht wird – natürlich von Männern. Die Polizeibeamten lachen und geben an, Spaß zu haben.
Und wenn jetzt noch ein einziger Mensch behauptet, der Weltfrauentag sei nicht mehr nötig, so empfehle ich ihm, auf einen anderen Planeten auszuwandern. 

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Quellen: 
- Film: Sex in a cold climate
- Film: Die unbarmherzigen Schwestern
- SPON: "Gequält in Gottes Namen", 2003
- Zdf-Mittagsmagazin 19.02.13
- In God's Name, The Guardian, 7.02.13

Freitag, 25. Januar 2013

Von der Bürde des Frauseins

ACHTUNG! Ich bin umgezogen! Dieses Blog wird nicht mehr lange existieren; alle Einträge und sämtliche folgenden findet der geneigte Leser hier: Cloudpharming.


Ich bin eine Frau. Und das bin ich gerne.

Ich bin eine Frau die Glück gehabt hat: in einem der reichsten Länder der Welt geboren, zu einer Zeit, die deutlich aufgeklärter ist als diejenige, in welche Milliarden von Frauen vor mir geboren wurden. Ich bin von liebenden, aufgeklärten Eltern in dem Glauben erzogen worden, daß ich ein dem Manne ebenbürtiges Wesen bin – mit allen Freiheiten und Rechten.
Keine Religion zwang mich je in die Knie und unter die Fittiche eines autoritären Mannes.

Ich bin nicht im strengen Katholizismus aufgewachsen, doch wenn ich Kontrolle über meinen Körper und mein Gebärverhalten erlangen will, begehe ich dabei noch immer eine Straftat. Wenn ich nach einer Vergewaltigung in einem katholischen Krankenhaus Hilfe suche, werde ich abgewiesen und mir wird, Sünderin, die ich dann bin, die Pille danach verweigert.
Ich bin nicht im Islam aufgewachsen, doch ich sehe viele Mädchen und Frauen, deren Zeitpunkt der ersten Blutung durch ein Stück Textil auf ihrem Kopf markiert wird als der Eintritt in eine unreine Lebensphase, in welcher sie als sündige Verführerinnen gelten. Sie dürfen vom man geschlagen werden, wenn sie nicht spuren, haben Panik, wenn eine Haarsträhne unter ihrem Kopftuch hervorschaut und … werden das alles genauso an ihre Töchter weitergeben.
Die Christen jedoch verhalten sich sehr ähnlich. Das Land, in das ich als freier Mensch hineingeboren wurde, wird von C-Parteien regiert, die Frauen gern wieder am Herd sähen und das in Gesetzesform zum Ausdruck gebracht haben.
Doch lebte ich in einem anderen Land auf dieser Erde und erlaubte ich es mir, dort einen eigenen Kopf zu haben, müßte ich vielerorts mit dem schlimmsten rechnen. In den USA könnte ich als Frau UND Atheistin keinerlei politische Karriere anstreben. Zudem könnte bald mein Vergewaltiger mich verklagen, wenn ich sein Kind abgetrieben hätte und ich würde von den dort ansässigen Politikern großzügig mit guten Ratschlägen versehen, zum Beispiel es einfach „zu genießen“, wenn es ohnehin unvermeidbar sei. Im Iran würde ich festgenommen, wenn ich ohne Kopftuch herumliefe. In Indien würde ich an meinen Zukünftigen verscherbelt wie eine billige Mitgift. In Spanien wäre mir mein Kind weggenommen worden. In manchen afrikanischen Ländern wäre ich für vorehelichen Sex gesteinigt worden. In vielen Ländern wäre Bildung ein Traum für mich (in einigen davon würde ich für diesen Traum erschossen) und sogar in unserem Land war das bis vor wenigen Jahrzehnten auch keine Selbstverständlichkeit. Hier werde ich nur nicht so gut bezahlt wie meine männlichen Kollegen, aber mir geht es hier vergleichsweise gut. Nicht so, wie dieser Dame hier, die das Pech hatte, einen eigenen Kopf zu haben:
Das ausschließlich aus Männern bestehende Gremium, das sie zum Tode verurteilt hat, wird von einem Vollstrecker angeführt, der seine Freudentränen beschreibt, als er das Todesurteil aussprechen darf. Nein, einem Mann wäre so etwas wohl nicht passiert.

Nein, ich empfinde es nicht als Bürde, eine Frau zu sein. Nicht jetzt und nicht hier und vor allem nicht im Angesicht der oben angeführten Dinge, die überall auf der Welt geschehen und das wohl auch noch lange Zeit tun werden. Über die Gründe dafür kann ich nur spekulieren, sicher spielen körperliche Überlegenheit, Angst und die Möglichkeit, Leben zu schenken eine Rolle, genauso wie sexuelle Attraktion. Aber das sollen klügere Menschen analysieren. Ich bedauere es nur und will meine Stimme erheben für den Traum von Gleichheit.
Doch wer diesen zu laut träumt, wird auch in Deutschland noch gerne verschrien. Als frigide Emanze. Als sexfeindliche Korinthenkackerin. Als Grund, wieso deutsche Männer keine deutschen Frauen mehr wollen. Die zicken ja so viel herum!

Letzter Anlass zu diesem Post sind die Geschehnisse um den FDP-Abgeordneten Brüderle, der eine Stern-Reporterin belästigt haben soll, als er betrunken in einer Bar saß. Dieser Fall schlägt Wellen und der Wahrheitsgehalt ist schwer zu ermessen, doch ich bin geneigt, der jungen Dame Glauben zu schenken – denn abwegig ist ein solcher Vorfall nicht. Viel zu häufig werden Frauen damit unterworfen und gedemütigt, auf ihre Brüste und ihre Vagina reduziert, überall in diesem Land. Das zeigt die daraufhin gestartete Twitter-Aktion #aufschrei, zu der viele Frauen schon ihre persönlichen Geschichten beizutragen haben. Die Tweets malen ein trauriges Bild von Deutschland im 21. Jahrhundert. Doch was noch viel schlimmer ist, sind die Reaktionen darauf: zunächst wird der Geschichte der jungen Journalistin kein Glauben geschenkt, sie wird beleidigt und ihre Geschichte als hysterisch abgetan.
In einer Umfrage bei einem großen Nachrichtenportal war die Stimmung eindeutig: 60% der 3000 Befragten befanden, die Diskussion sei überflüssig und hysterisch. Deutschlands eloquentester Kolumnist schrieb

Ein Mann darf also nicht mehr nach einem Glas Wein mit einer Frau reden.
Ein Mann darf nicht mehr im Aufzug ohne Zeugen mit einer Frau fahren. Ein Mann darf keiner Frau mehr auf den Busen gucken.Sollen nur noch Polizisten zwischen Mann und Frau sein?
Was ist daran schlecht, wenn ein 67-jähriger Mann mit einer 28-jährigen „Stern“-Reporterin an einer Bar betrunken ist.
Ich bin nicht entsetzt. Es ist das Leben.

Die Kommentatoren bei genanntem Nachrichtenportal ließen mir genauso sehr die Haare zu Berge stehen. Frauen forderten es doch heraus, mit ihrer billigen Kleidung! Frauen schlafen sich gerne nach oben, benutzen das sogar als Fallen! Andere jammern, daß ihnen immerhin auch schon mal von einer Frau zwischen die Beine gefasst wurde, an Karneval. Ein schönes Beispiel folgt:


Was soll man da noch sagen? Die Bedrohung des Mannes durch kapriziöse Frauen scheint ein anhaltendes Problem zu sein, so viel steht fest.

Die Geschichte der Stern-Reporterin ist nichts im Vergleich mit Genitalverstümmelungen oder Todesurteilen gegen Frauen, nur weil sie Frauen sind. Aber sie ist der Rest eines jahrhundertealten Systems, das wunderbar funktioniert hat, um Frauen kleinzuhalten und sie dazu zu bringen, dasselbe ihren eigenen Töchtern anzutun. Insofern kann man den so laut verschrienen Emanzen des vergangenen Jahrhunderts nur auf Knien für die Errungenschaften danken, die sie uns Frauen gebracht haben, statt sie zu verteufeln. Die Hoheit über den eigenen Körper und die eigene Zukunft zu haben ist für viele Frauen auf diesem Globus nicht selbstverständlich.
Ich gehe sogar weiter und träume davon, als Frau nicht nur etwas zu sagen zu haben, sondern dabei auch noch gut, hübsch und wie eine Frau aussehen zu können, weil es einfach egal ist. Weil es nicht als Herausforderung zum Koitus verstanden werden muß. Sondern weil konservative Konventionen gesprengt werden können. Und weiters denke ich, daß man als Frau nicht nur über Frauenthemen sprechen und schreiben muß. Weil Frauen Menschen sind. Vielleicht nicht im Angesicht der großen Religionen und vielleicht nicht einmal in den Köpfen der meisten Männer.
Aber wenn ich mir vorstelle, daß meine Tochter, sollte sie einmal existieren, noch immer in einer Welt lebt, in der sie um ihre Rechte kämpfen muß, nur, weil sie mit einer Vagina geboren wurde; wie sie es sich gefallen lassen soll, von mächtigen Männern gierig betatscht zu werden, um nicht als frigide Zicke zu gelten, dann… tja, dann wird mir ganz schlecht.

Und dann bin ich wirklich froh, daß es auch noch vernünftige Menschen (männlichen und weiblichen Geschlechts) da draußen gibt. Und wir werden immer mehr. Wir sind Frauen - und wir sind Menschen.

Samstag, 17. November 2012

Homöopathie in der Pharmazie - eine Bestandsaufnahme; Teil 2

ACHTUNG! Ich bin umgezogen! Dieses Blog wird nicht mehr lange existieren; alle Einträge und sämtliche folgenden findet der geneigte Leser hier: Cloudpharming.


  „… die Kundin wollte ein homöopathisches Mittel haben. Ich habe sie aufklärt und gefragt, ob sie denn wisse, daß da kein Wirkstoff drin sei. Das wusste sie nicht. Später habe ich großen Ärger vom Chef bekommen, deswegen.“

Das Zitat, mit dem der zweite Teil des Artikels über die Infiltration der Pharmazie durch die Homöopathie beginnt, stammt von einem Kommilitonen, den ich vor einigen Wochen wieder traf, als das Semester startete. Andere hatten ähnliche Geschichten zu erzählen: einer mußte in der Rezeptur vom Heilpraktiker verschriebene „Super Tuning Essenzen“ [http://goo.gl/ibnUQ] herstellen, die pro Fläschchen mehrere Dutzend Euro kosten. Anthroposophische Arzneimittel, welche nur in Flaschen mit blauen Verschlüssen abgegeben und nur mit Etiketten schwingungsharmonischer Farben versehen werden durften, mußten verkauft werden. Bachblüten durften auf Kundenbitte hin nicht gescannt werden an der Kasse (das zerstöre die Schwingungen der Blütenessenzen). Und es wurden Rezepte für anthroposophische Nasentropfen ausgestellt. Das war eine Flüssigkeit, die aus mehreren homöopathischen Essenzen bestand – und in die zusätzlich noch eine komplette Packung eines bekannten, wirksamen Nasensprays (Handelspreis ca. fünf Euro) gemischt wurde. Natürlich wirkt die Mixtur und kostet ungefähr 20 Euro.
Der Irrsinn hört nicht auf.

Apotheken verdienen an gewöhnlichen Arzneimitteln nicht viel; ca. acht Euro pro Rezept. Ohne esoterische „Arznei“mittel zu verkaufen, kann sich eine Apotheke heute kaum noch halten – so die Angaben vieler Pharmazeuten dazu. Die Nachfrage der Kunden jedenfalls ist da. Und der Rückhalt aus der Politik auch. Die Gründe hierfür möchte ich in diesem Artikel etwas genauer untersuchen.
Aus dem vorangegangenen Beitrag Link ist schon bekannt, daß unser Bundesministerium für Gesundheit dem Einzug der Homöopathie sowohl in den Apotheken (mit der verpflichtenden Einführung eines Homöopathischen Arzneibuchs) als auch in den Universitäten (mit der Aufführung homöopathischer Lehren im staatsexamensrelevanten Gegenstandskatalog) eifrig Vorschub geleistet hat. In einem Brief an das Gesundheitsministerium versuchte ich, herauszufinden, wie das geschehen konnte und welche politische Haltung dem zugrunde liegt. Es folgt die Anfrage, die ich an das Ministerium übermittelte:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Claudia Graneis und ich studiere Pharmazie. Im Laufe meines Studiums bin ich schon einige Male auf Lehrplaninhalte zum Thema Homöopathie gestoßen und habe auch erfahren, daß es in Deutschland ein Homöopathisches Arzneibuch gibt. Dazu habe ich einige Fragen.

Die Homöopathie wurde vor 200 Jahren von Samuel Hahnemann (auf Grundlage eines missglückten Experiments) erfunden und ist seitdem ihren WIrksamkeitsnachweis schuldig geblieben. Es gibt keine replizierbaren wissenschaftlichen Ergebnisse aus guten klinischen Studien (also doppelt verblindet, randomisiert und placebokontrolliert), die jemals (!) den Nutzen der Homöopathie dargelegt hätten. Auch gemäß Cochrane-Review hat Homöopathie niemals besser abgeschnitten als das Placebopräparat.

Auch die wissenschaftlichen Grundlagen, auf welche sich die Homöopathie beruft, sind nicht haltbar: das Gedächtnis des Wassers, zum Beispiel. Wenn ein solcher "molekularer Imprint" je hinterlassen wird (wobei das bei mitunter riesigen Molekülen im Gegensatz zu winzigen Wassermolekülen ohnehin schwierig würde), so dauert er nur wenige Femtosekunden an und kann demnach keinen therapeutischen Effekt haben.
Ähnlich gut belegt sind die im HAB aufgeführten Techniken der Spagyrik (die sich ja als moderne Form der Alchemie versteht) und der Anthroposophischen Medizin (mit ihrer Lehre vom Astral-, Äther-,... etc. Leib).

Die erste Frage lautet nun also: wieso steht die Homöopathie im Gegenstandskatalog der IMPP, der ja vom BMG über die Approbationsordnung für Apotheker festgelegt wird? Wieso muß ich als Pharmaziestudentin etwas über das angebliche Wassergedächtnis und die wissenschaftlich unhaltbaren, esoterischen Theorien Hahnemanns lernen (immerhin handelt es sich ja um einen naturwissenschaftlichen Studiengang)?
Zweitens, wieso gibt es in Deutschland ein Homöopathisches Arzneibuch, das ja auch vom BMG herausgegeben wird, mit Inhalten, die sich sogar auf Spagyrik und Anthroposophie ausweiten?  Das alles ist nicht im geringsten mit Evidenz belegt und ins Reich der Esoterik einzuordnen.

Es gibt Menschen, die behaupten, Homöopathie habe bei ihnen wunderbar geholfen. Zunächst aber sind das Einzelfälle, Anekdoten, die sich noch nie in einer kontrollierten Studie haben replizieren lassen, zum anderen ist das Wirksame an Homöopathika der Placeboeffekt (da die Verschreiber solcher "Medikamente" oft viel Zeit und ein offenes Ohr mitbringen).
Diese Rechtfertigung also wäre vom Tisch. Eine weitere wäre, daß die Nachfrage der Menschen so hoch ist. Wenn nun aber morgen die Nachfrage der Menschen der dem pulverisierten Horn eines Einhorns (oder irgendeinem anderen, wissenschaftlich in keiner Weise belegten Präparat) sehr hoch würde, müßte ich dann mit Examensfragen zu diesem Thema und einem Einhorn-Arzneibuch rechnen?

Es interessiert mich wirklich sehr, wie derlei Dinge zustande kommen und ich bin gespannt auf Ihre Antwort. Vielen Dank im Voraus für die Mühe.


Nach Wochen des Wartens erreichte mich schließlich eine Antwort. Leider fiel diese genauso wenig substanziell aus, wie ich es befürchtet hatte. Sie lautet:

Sehr geehrte Frau Graneis,

Vielen Dank für Ihre Email vom 2. Oktober 2012.
Grundsätzlich ist dazu zu sagen, dass es sich bei der Homöopathie um eine in Deutschland seit 1978 anerkannte Besondere Therapieform im Sinne des Fünften Buches Sozialgesetzbuch (SGB V)  handelt.
Der dem Apotheker vom Gesetzgeber erteilte Auftrag ist die Sicherstellung der ordnungsgemäßen Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln (§1 Bundes-Apothekerordnung). Dieser Auftrag bedeutet u. a. die verantwortungsvolle Information und Beratung des Patienten/der Patientin über jedes von ihm abgegebene Arzneimittel und gehört zum Berufsbild des Apothekers.
Der Begriff Arzneimittel umfasst auch die im Register für homöopathische Arzneimittel des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte [BfArM, Anm. d. Autorin] verzeichneten zugelassenen/registrierten homöopathischen Arzneimittel. Homöopathika sind ferner –worauf Sie ja auch hinweisen- im Homöopathischen Arzneibuch verzeichnet, das Teil des Arzneibuchs nach §55 Arzneimittelgesetz ist.

Das Homöopathische Arzneibuch als Sammlung von Regeln über die Qualität, Prüfung, Lagerung und Bezeichnung von homöopathischen Mitteln und die bei ihrer Herstellung und Prüfung verwendeten Stoffe, Materialien und Methoden ist Basis für das erforderliche Grundlagenwissen, um Patientinnen und Patienten sachgerecht beraten zu können. Auch die im allgemeinen Teil des HAB niedergelegten verschiedenen Verfahrenstechniken, die neben klassischen Herstellungsmethoden nach Hahnemann auch auf die Verfahren der Anthroposophie und Spagyrik eingehen, ergänzen pharmazeutische Kenntnisse und Fertigkeiten.
Über die Approbationsordnung für Apotheker ist sichergestellt, dass Apothekerinnen und Apotheker nach Beendigung der pharmazeutischen Ausbildung generell über die erforderliche Sachkenntnis bei Arzneimitteln, also u. a. auch bei Homöopathika, verfügen. Dies ist zur Sicherheit der Patientinnen und Patienten unerlässlich.
Selbstverständlich ist es der Inhaberin/dem Inhaber einer Apotheke unbenommen, homöopathische Arzneimittel nicht in ihr/sein Sortiment aufzunehmen. Das entbindet sie/ihn jedoch nicht von der Beratungspflicht und spielt daher bei der Berufsausbildung keine Rolle. Mit freundlichen Grüßen,

[…]

So weit, so unbefriedigend. Diese Antwort wirft weitere Fragen auf, und zwar diejenigen nach den Regelungen und Modalitäten in Deutschland in Bezug auf homöopathische Arzneien. Da wäre zunächst das bereits genannte SGB V. In diesem Buch, das sich mit den Regelungen der gesetzlichen Krankenkassen auseinandersetzt, wurde in einer Debatte um die Kostenübernahme für homöopathische Mittel erstmals der Begriff der Binnenanerkennung geprägt. Diese bezieht sich ausschließlich auf die sogenannten „Besonderen Therapierichtungen“ und legt fest, daß die Vertreter der jeweils betroffenen Behandlungsmethoden, in diesem Fall der Homöopathie (aber auch Anthroposophie, Spagyrik und Pflanzenheilkunde), selbst Beurteilungen zur Wirksamkeit und zur Güte der Methode an sich abgeben dürfen. Für ein konventionell-medizinisches Präparat wäre ein solches Vorgehen undenkbar.
Doch die Sonderregelungen für esoterische Heilmethoden ziehen sich auch durch das Arzneimittelgesetz (AMG). So müssen Hersteller homöopathischer Präparate keine Angaben zur Wirksamkeit, Nebenwirkungen und ggf. erfolgten analytischen und toxikologischen Prüfungen machen, während Medikamente aus der evidenzbasierten Medizin diese, völlig zu Recht und in Verbindung mit hohen Kosten, vorlegen müssen. Weiterhin sitzen in der Zulassungskommission für derlei Präparate u. a. „Sachverständige“ mit „wissenschaftliche[n] Kenntnisse[n]“ und „praktische[n] Erfahrungen“ auf dem Gebiet der Pseudowissenschaften. Das jedoch ist meist ohnehin nicht nötig, denn laut AMG §§38-39 muß ein homöopathisches Mittel nur registriert, nicht zugelassen werden.
Doch DHU, Weleda und Co. behelfen sich auch mit kleinen Tricks, um weiteren Fallen in der Gesetzgebung zu entgehen: so sind auf solchen Präparaten grundsätzlich keine Indikationen angegeben, da Arzneimittel gemäß AMG §8 keine falschen Angaben zur Wirksamkeit machen dürften. Zudem umgehen sie ihre Befreiung von der Apothekenpflicht (§44 AMG) mit dem simplen Trick, daß sie ihre Präparatsnamen schlichtweg nicht auf deutsch angeben. Stünde statt Natrium chloratum einfach „Kochsalz“ auf der Verpackung, dürfte das mit 1349 Anwendungsgebieten (laut Hahnemann) gepriesene Wundermittel auch im Supermarkt um die Ecke verkauft werden.
Es ist also ein munteres Ducken und Schleichen durch den Paragraphendschungel, der aber auf skandalöse Weise zugunsten der Homöopathischen Industrie modifiziert wurde. So etwas ist nicht möglich ohne gute Lobbyarbeit.

Die Pharmaunternehmen, welche Homöopathika herstellen, betreiben Lobbyarbeit „wie die Großen“ und unterscheiden sich in Methodik und Aufwand kaum von den „konventionellen“ Pharmafirmen. DHU, Heel, Weleda, WALA und Konsorten machen Aufwartungen im Gesundheitsausschuss des Bundestages, laden Abgeordnete auf ihr Produktionsgelände, versenden Werbungsprospekte und laden zu Veranstaltungen. Doch dazu gleich mehr. Ergänzend zum HAB gelten in Deutschland die Empfehlungen der „Kommission D“ zu Prüfvorschriften und ähnlichem; deren Vorsitzender, Michael Elies, ist gleichzeitig in der DHU engagiert.
Ein weiterer großer Name ist die „Carstens-Stiftung“, ein von Ex-Bundespräsident Carstens und seiner Frau ins Leben gerufenes Organ, welches tatkräftig die Verbreitung homöopathischer Lehrkonzepte fördert. So finanziert die Stiftung Professuren, Doktorarbeiten, Vorträge und weiteres zum Thema Homöopathie. Doch nicht nur diese Stiftung mischt an den Universitäten mit: Stiftungsprofessuren gibt es mittlerweile auch von der Firma Heel, und der Deutsche Zentralverband homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) entsendet mehrere Projektleiter, um mit den Universitäten das Gespräch zum Thema „Homöopathie in der Lehre“ (s. Jahresprogramm auf dieser Seite, Interview mit C. Bajic) aufzunehmen. Lehrbeauftragte werden vermittelt, Camps initiiert, Arbeitskreise unterstützt.

Doch auch an anderer Stelle schreitet die Infiltration fort: bei den Apothekern, Ärzten und dem weiteren Gesundheitspersonal. So stellen die Pharmareferenten der o.g. Firmen bei den Apotheken bereitwillig kostenlose Kundenbroschüren zur Wirksamkeit der Zuckerkügelchen zur Verfügung, bieten bepunktete(!) Fortbildungen für Ärzte und Apotheker an und veranstalten Seminare, um ihre Produkte einzuführen.
Am dramatischsten ist der Einschlag dieser Maßnahmen vielleicht bei den Hebammen zu spüren: Eine Schwangerschaft ist eine empfindliche Phase im Leben einer Frau, in der sie höchst bedacht darauf ist, ihrem Kind keinen Schaden durch eventuell toxische Stoffe zuzufügen. Eine unerfahrende werdende Mutter benötigt in dieser ungewohnten Situation die Begleitung und Anleitung einer kompetenten und vertrauenswürdigen Bezugsperson. Dies ist in vielen Fällen eine Hebamme – leider ist in dieser Berufsgruppe die Affinität zu alternativmedizinsichen Verfahren wie Homöopathie und Akupunktur besonders verbreitet und die entsprechende Einflussnahme auf die Schwangeren massiv. In der Folge nehmen etwa 70% der Frauen während der Schwangerschaft Globuli ein [goo.gl/aZ3lp] – ein Start in eine homöopathische Selbstmedikationskarriere.
 Hebammen fungieren somit als Multiplikatoren [http://de.wikipedia.org/wiki/Multiplikator_%28Werbung%29] solcher esoterischen Behandlungskonzepte und sind folgerichtig ein Angriffsziel besonders aggressiver Marketingversuche der Homöopathischen Industrie. So bietet zum Beispiel die Firma Weleda ganze Seminare und Lehrgänge für Hebammen an, die laut Presseberichten rege in Anspruch genommen werden und auch von Berufsverbänden empfohlen werden.


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Zuletzt sind die Hersteller solcher Arzneimittel natürlich auch in mächtigen Lobbyverbänden, zum Beispiel dem BPI , engagiert und haben dort eigene Ressorts, die für ihre Interessenvertretung auf allen Ebenen sorgen. Nun ist auch die „konventionelle“ Pharmaindustrie in Bezug auf unschöne Lobbymethoden nicht gerade ein unbeschriebenes Blatt – aber die homöopathische Industrie steht ihr in nichts nach, auch wenn ironischerweise der Griff zu Alternativmedizin von vielen Kunden mit der Ablehnung der Machenschaften von „Big Pharma“ begründet wird.

 BfArM, Apothekerkammer und andere Instanzen warten, wie das Gesundheitsministerium auch, mit Beschwichtigungsgesten und nur lauen Stellungnahmen auf. Wer sich dazu genauer informieren will, dem empfehle ich das in den Literaturangaben genannte Buch „Die Homöopathie-Lüge“.

Es gibt natürlich auch einzelne Politiker, die besonders wertvolle Advokaten für die Globuli-Industrie sind. So ist zum Beispiel die (studierte Chemikerin) Barbara Steffens, ihres Zeichens Gesundheitsministerin in NRW, eine erklärte Homöopathie-Freundin. Sie spricht auf Kongressen und läßt sich vom DZVhÄ interviewen und wird auch sonst nicht müde, die Vorzüge der Homöopathie zu betonen und ihre Integration ins deutsche Gesundheitssystem vehement zu fordern. Unter anderem plädiert sie dafür, die Homöopathie „auf Bundesebene in die Bundespolitik zu bekommen“. Besonders verstörend: „Wir brauchen natürlich auch Studiengänge.“ Das ließ sie beim o.g. Interview verlautbaren.
Auf völligen Irrsinn verweist eine Anekdote aus dem Buch „Die Homöopathie-Lüge“: dort ist zu lesen, daß K.-H. Daehre, Verkehrsminister in Sachsen-Anhalt, in der Stadt Köthen die Zusammenarbeit von Städteplaner mit Homöopathen lobt, um den Verkehrsfluß zu ‚entstören’. Daß auch dieser Mann ein promovierter Chemiker ist, macht die Sache nur noch trauriger.

Die Homöopathie genießt also hohes Ansehen in Politikerkreisen und schafft mittels Lobbyarbeit Dinge, die in anderen Ländern nur Kopfschütteln auslösen würden. Um die genauen Mechanismen dahinter zu verstehen, suchte ich Kontakt zu einem Politiker, der auf höchster Ebene mit diesen Vorgängen zu tun hatte. Ich erhielt die Chance, mit einem ehemaligen Bundestagsabgeordneten im Gesundheitsausschuss zu sprechen. * Ich erhoffte mir klare Aussagen zum Thema Lobbytätigkeit, bekam aber nur phrasenweise Homöopathie-Apologien zu hören. Später erfuhr ich auch, warum – doch dazu gleich mehr.
Gleich zu Beginn des Gesprächs erzählte mir mein Gesprächspartner, daß die Lobbyarbeit der homöopathischen Industrie gar nicht so schlimm sei – oder zumindest auch nicht anders als bei Vertretern der konventionellen Pharmaindustrie. Insbesondere der BPI Baden-Württemberg habe die Interessenvertretung der größtenteils in diesem Bundesland angesiedelten Firmen wie die DHU, Weleda und WALA übernommen. Erinnern konnte er sich an einen Fall: „Es ging vor allem um die Umsetzung des Arzneimittelbuches“, genauer um die Umsetzung von EU-Vorschriften, die für die vergleichsweise kleinen deutschen Homöopathie-Unternehmen „problematisch“ geworden wäre in Bezug auf Dokumentationspflichten und ähnliches.
Nein, Lobbyarbeit empfinde er generell nicht als problematisch, Interessenvertretung gehöre ja zur Demokratie dazu, aber sie müsse transparent sein. Auf die Frage nach den Methoden der Globuli-Fabrikanten antwortete er, es gehörte „ganz klassisch“ dazu, daß „die Unternehmen mit den Berichterstattern aus den Fraktionen Kontakt aufgenommen haben […] und um Gespräch gebeten haben über diese Themen.“ Zudem sei zu Besuchen der Unternehmen, also Produktionsbesichtigungen, eingeladen worden, „was ich auch zwei mal gemacht habe. Damit man sich die Kräutergärten anschaut, das ist ja auch eine Besonderheit gegenüber anderen Pharmaunternehmen.“
Schließlich wollte ich wissen, ob der Herr meine Einschätzung teile, daß HAB und Gegenstandskatalog vornehmlich der Lobbyarbeit entsprungen seien. Daraufhin bekam ich mitgeteilt, daß „aus der Sicht der Politik“ der „Wirkzusammenhang quasi sekundär“ sei. Immerhin gebe es ja auch „ernstzunehmende Studien“, die den Nutzen der Psychotherapie bezweifeln. Und bei Arthrose hätten schulmedizinische Mittel (also auf Wirksamkeit hin geprüfte und für wirksam befundene NSAR [Link Wiki], Anm. der Autorin) „eine ähnlich gute Wirkung“ wie Homöopathika, „nämlich jeweils eigentlich gar keine“ – im Gegenteil, sie verursachten schließlich Magendurchbrüche und dann müsse man noch zusätzlich medikamentieren. Da spare die Homöopathie ja Kosten. Denn „selbst, wenn nur der Placeboeffekt eintreten würde, wäre es aus Sicht der Kassen unter Umständen sinnvoll, sowas zu erstatten.“
Zum Schluß noch drei weitere Zitate aus dem Gespräch:
-         Es sei wichtig, festzustellen, „daß Gesundheit insgesamt kein feststehender Begriff ist, was gesund bedeutet und was nicht.“
-         „Es gibt ja eine ganze Reihe von Methoden, wo Sie auch in der Schulmedizin den Wirkungserfolg nicht diagnostizieren können.“
-         Ob Sie einen körperlichen Wirkmechanismus nachweisen können oder nicht, spielt nicht die entscheidende Rolle in der Frage: ist etwas abrechnungsfähig oder nicht.“

Nachdem im Laufe des Telefonats immer klarer wurde, daß mein Gesprächspartner offenbar Opfer intensiver Zuckerkügelchen-Lobbyarbeit geworden war, recherchierte ich ein wenig hierzu. Und ich wurde fündig: „mein“ Bundestagsabgeordneter hatte, als die Änderung des AMG zu Ungunsten der homöopathischen Industrie im Jahre 2009 anstand, das Firmengelände der DHU besucht und einen Monat später war der Satz, welcher den betroffenen Firmen ein Dorn im Auge gewesen war, aus der Gesetzesnovelle verschwunden. Eine Pressemitteilung der DHU (s. Buch „Die Homöopathie-Lüge“, S. 196) macht explizit diesen Besuch dafür (mit)verantwortlich.
Danach wunderten mich die oben angeführten Aussagen nicht mehr so sehr…

Die Homöopathie floriert also in Deutschland und macht auch vor Politik und Bildungswesen nicht Halt. Vor wenigen Tagen bekam ich von der Fachschaft meiner Uni das Angebot, Lernkartenspiele zu bestellen. Ich wurde gefragt, ob ich ein „Pharmatett“, also eines von sechs Pharmakologie-Quartett-Spielen, oder ein "Homöotett", eines von dreien zur Esoterik, haben wolle. Kein Smiley, kein Hinweis auf Humbug, einfach eine Anfrage (das Schreiben des Verlags an die Fachschaft füge ich als Bild ein). 

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Es stellt sich die Frage, wie man diesem Treiben Einhalt gebieten könnte. Vor allem für Apotheker sehe ich Schwierigkeiten bei der Frage, wie man Patienten, Bezug nehmend auf das Eingangszitat, korrekt beraten kann. Einem Patienten zu sagen, ein homöopathisches Mittel helfe gegen Symptom X wäre nicht die Wahrheit, und einen Patienten zu belügen, ob aus Profitgier oder nur, um den Placeboeffekt zu generieren, halte ich für medizinethisch bedenklich, wenn nicht gar unzulässig.
Kann man auf Bundesebene intervenieren? Mich erreichten einige Bitten darum, eine entsprechende Petition einzureichen, auch um die ewigen „Extrawürste“ für die homöopathische Industrie einzudämmen. Ich bitte um Ideen, Meinungen und Anregungen dazu in den Kommentaren.
Und schließlich – was kann man auf der Arzt-Patient-Ebene, was an der Uni tun? Ich habe dazu folgende Vorschläge:
1)      Homöopathika erst ab dem Alter von 18 Jahren „verordnen“ und verkaufen. So kann man versuchen, Kinder davor zu schützen, im unmündigen Alter wirkungslosen Zuckerkügelchen statt richtiger Medizin auszusetzen. Was Eltern mit ihren Kindern zuhause machen, entzieht sich weitgehend der Kontrolle, aber vielleicht hemmt es ein wenig…
2)      Globuli und Co. erst nach ärztlichem Beratungsgespräch über die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Irrlehre: die meisten Menschen wissen nämlich gar nicht, daß ein  esoterischer Ansatz ohne wissenschaftliches Fundament dahintersteht.
3)      Zuckerkügelchen im Studium: nur nach dem „Know your enemy“-Prinzip. Kritische Betrachtungen, kein Appeasement, kein „both sides“ – denn es ist hier genausowenig angebracht wie in der Kreationismus-Debatte [http://rationalwiki.org/wiki/Teach_the_controversy].

Daß das Gesundheitssystem in Deutschland krankt und Ärzte oftmals unter bürokratischer Arbeit fast ersticken, dürften offensichtliche und große Faktoren in diesem Sachverhalt sein. Wo ein Arzt zehn Minuten Zeit hat für einen Schmerzpatienten und sich ein Homöopath eine Stunde nimmt, geht der Vertrauens- und damit der Placebobonus oft an letzteren. Hier liegt, neben öffentlicher Aufklärung, sicherlich die eigentliche Arbeit. Dazu passend antwortete mir mein Vater, Dr. Rainer Graneis, der selbst Arzt (und kein Freund der Homöopathie) ist, auf meinen vorangegangenen Artikel mit folgendem Satz, der gleichzeitig auch den Blogbeitrag beschließen soll:

„Der Erfolg der gesamten Homöopathie hat sicher auch mit Zuwendung zu tun, und wir sollten uns im Klaren sein, dass Kranke immer in einer besonderen Situation sind und sich nicht immer rational verhalten. Und andererseits unsere Rolle immer hinterfragen: ob wir diese Zuwendung auch in dem Maße bringen, wie sie benötigt wird.“

_______________________________________


*) den Namen des Abgeordneten nenne ich nicht, weil ich sonst seine Zitate freigeben lassen müsste. Und ich bezweifle, daß das in diesem Zusammenhang geschieht.

Quellen (abgesehen von den universitären):
-         Homöopathisches Arzneibuch
-         Gegenstandskatalog des IMPP
-         Weymayr/Heißmann: Die Homöopathie-Lüge. So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen. – Piper, 2012
-         Homepages der jeweiligen Unternehmen und Verbände
-         Psiram.de





Freitag, 28. September 2012

Homöopathie in der Pharmazie - eine Bestandsaufnahme

ACHTUNG! Ich bin umgezogen! Dieses Blog wird nicht mehr lange existieren; alle Einträge und sämtliche folgenden findet der geneigte Leser hier: Cloudpharming.

      „Die hohe Würde eines guten Apothekers, aus dessen unbestechlich gewissenhaften Händen Leben und Gesundheit in lauterer Quelle fließt, und unter dessen wachsamer Kenntniß die ächtigen Werkzeuge erschaffen werden, womit wir die zerrüttete Maschine des menschlichen Körpers zu bessern und in ihren ursprünglichen harmonischen Gang zu bringen suchen, wird sich nie mit der Niederträchtigkeit einer vernunftlosen Quacksalberei besudeln.“

Mit diesen Worten, die, im historischen Kontext betrachtet nicht mehr Ironie in sich tragen könnten, möchte ich einen kleinen Zweiteiler eröffnen, der sich um die Frage dreht, wie das Nebeneinander von „echter“ Pharmazie und ihren esoterischen Geschwistern, insbesondere der Homöopathie, aussieht und wie es dazu kommen konnte.
Das oben genannte Zitat stammt von Christian Friedrich Samuel Hahnemann und ist der Einleitung zu seinem 1799 erschienenem Apothekenlexikon entnommen. Herr Hahnemann wird vielen bekannt sein als Gründer einer offenbar unausrottbaren Irrlehre: der Homöopathie. Was genau Homöopathie ist und nach welchen Prinzipien sie (nicht) funktioniert, möchte ich hier nicht ausführen, denn es dürfte allgemein bekannt sein – wenn nicht, kann bei Psiram eine sehr schöne und ausführliche Definition nachgelesen werden.
Nun zur Position, aus der ich diesen Artikel schreibe: ich bin eine Studentin der Pharmazie und kenne den Apothekenalltag nun auch aus eigener Erfahrung. Im letzten halben Jahr habe ich erschreckende Beobachtungen gemacht und bin Zeugin besorgniserregender Strömungen geworden, die zu dokumentieren ich nun hier versuche.

Es ist bekannt, daß es im Medizinstudium nicht besonders wissenschaftlich zur Sache geht. Dementsprechend viele Ärzte sind mittlerweile Homöopathie-affin und bieten Maßnahmen wie Akupressur oder Bio-Resonanz-Therapie in ihren Praxen an. In meiner kurzen, nicht besonders ruhmreichen Zeit als Medizinstudentin fiel mir genau das auf (besonders, als ich in meinem Chemie-Buch den Hinweis auf Schüßler-Salze fand). In der stillen Hoffnung, daß dies im Studium der Pharmazie anders sein würde, nahm ich selbiges auf… und wurde schwer enttäuscht.
Dieser Studiengang ist durchaus geprägt von einer naturwissenschaftlichen Herangehensweise und ebensolchen Fächern: ein buntes Gemisch aus Chemie, Physik, Physiologie, Biologie, Pharmakologie und Technologie und am Ende steht das Ziel, mit großer Präzision spezifische Wirkstoffe zu finden, Rezeptorfunktionen und –wechselwirkungen zu kennen und reine, qualitativ hochwertige Arzneimittel herzustellen. Man lernt, Studien als Grundlage seiner Beurteilung eines bestimmten Präparats zu verwenden und die Macht der Daten zu verstehen. So sollte es zumindest sein – und dennoch hat Homöopathie Hochkonjunktur. Es verging keine Stunde in der Apotheke, in der nicht nach homöopathischen Darreichungsformen verlangt wurde. Und die Pharmazeuten verkaufen die Zuckerkügelchen guten Gewissens. Wieso ist das so?

Schon bald nach Studienbeginn wurde ich, im Chemie-Seminar, mit den drei in Deutschland gültigen Arzneibüchern vertraut gemacht und traute meinen Ohren kaum: das Europäische Arzneibuch, das Deutsche Arzneibuch und… das Homöopathische Arzneibuch, das, neben allgemeinen Herstellungs- und Prüfverfahren sowie Stoffbeschreibungen aus der Homöopathie, auch Anweisungen zur Anthroposophischen Medizin und der Spagyrik (ja, Alchemie) enthält.
Beispielsweise steht in einer solchen Monographie, daß man für ein bestimmtes „Arzneimittel“ auf keinen Fall die Deutsche Küchenschabe bis zur Unkenntlichkeit in Ethanol und Wasser verdünnen darf, sondern ausschließlich die Orientalische Küchenschabe. Des weiteren finden sich darin Potenzierungsvorschriften und mathematische Gleichungen um die Zusammensetzung von Urtinkturen zu berechnen.
Wer verbricht ein solches Buch? Wieso muß (!) jede Apotheke in Deutschland es in ihrem Schrank haben? Die Antwort ist traurig und erschreckend: unser eigenes Gesundheitsamt tut es. Im Übrigen ist Deutschland auch das einzige Land, welches ein solches Buch produziert. Wieder einmal stellt sich die Frage nach dem Warum, doch dazu werde ich gleich kommen.
Wenige Wochen später hielt ich ein Skript in den Händen, in welchem es darum ging, was Homöopathie, Anthroposophie und Spagyrik sind, welches ihre Prinzipien sind und wie man Verdünnungen berechnet – mit dem freundlichen Befehl, all das bis zur Klausur auswendig zu lernen. Diese Irrlehren seien ja schließlich Teil meines Lernzielkatalogs. Diesen wiederum bestimmt der Gegenstandskatalog der IMPP, der in der Approbationsordnung für Apotheker festgelegt ist. Und wer wiederum legt diese fest? Richtig. Das Gesundheitsministerium.

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Meine schockierte Nachfrage, ob derlei Fragen auch Teil meines Staatsexamens sein würden, beantwortete der Dozent mit einem achselzuckenden Ja. Nachdem im Laufe des Semester in fast jedem meiner Fächer die Homöopathie (zum Teil völlig unkritisch) thematisiert wurde und es in einem Praktikum sogar eine freiwillige Übung zum Herstellen einer homöopathischen Verreibung gab, wandte ich mich schließlich an einen Dozenten, der offenbar ein großer Freund evidenzbasierter Medizin ist und auf die leider allgegenwärtige Esoterik nichts gibt. Dieser sagte mir, daß er die ganze Chose nach dem „Know your enemy“-Prinzip handhaben wollte – daß aber das ganze Übel (und somit auch die Arzneibuchangelegenheit) seine Wurzel in intensiver Lobbyarbeit habe. Es sei die DHU (Deutsche Homöopathie-Union), die „viel Manpower“ ihr eigen nennen könne und erfolgreich an den wichtigen Stellen interveniere. Doch dazu wird meine Recherche im zweiten Teil dieser Blogserie weiter in die Tiefe gehen.
Am Ende tauchten Fragen zur Homöopathie in zwei Prüfungen am Ende des Semesters auf, völlig unkritisch und auch von den Studenten, die mit der wissenschaftlichen Methode (noch?) nicht vertraut sind, völlig unhinterfragt…
All das: die Arzneibücher, der Gegenstandskatalog, die Prüfungsfragen und Vorlesungsinhalte sind ein Skandal, der sich, fast unbeachtet von der Öffentlichkeit, weiter ausbreitet. Daß in unserer aufgeklärten Zeit, in welcher klinische Studien das Bewerten von Behandlungsmethoden so einfach gemacht haben, eine „Arzneiform“, die ihren Wirksamkeitsnachweis seit 200 Jahren schuldig bleibt und reine Phantasie ist, solchen Raum bekommt, ist unfaßbar und traurig.

Nach dem Semester ging es in der Apotheke weiter. Es ist kein Geheimnis, daß Apotheker an „gewöhnlichen“ Arzneimitteln nicht viel verdienen. Und es ist auch kein Geheimnis, daß viele Menschen von den in ihren Augen dunklen Machenschaften der „großen Pharmaindustrie“ verunsichert oder von Behandlungsweisen, welche ihnen nichts gebracht haben, enttäuscht sind und sich der „sanften Medizin“ und Esoterik zuwenden wollen. Das ist keine gute Kombination.
Schon am ersten Tag dort erspähte ich gleich ein riesiges Poster mit Anleitungen zur Beratung von Patienten, die beabsichtigen, sich eine Reiseapotheke zusammenzustellen. Dort waren ausschließlich homöopathische Präparate aufgeführt (auch bei durchaus unangenehmen oder gar gefährlichen Konditionen wie hohem Fieber, schweren Durchfällen oder nässenden Ekzemen). Die Apothekerin empfahl fröhlich jedem homöopathische Medikamente, der mit wie auch immer gearteten Beschwerden den Weg in die Apotheke fand, und hunderte Leute fragten von sich aus danach.
Weiterhin prekär ist, daß die meisten Kunden gar nicht wissen, was genau Homöopathie eigentlich ist. Fälschlicherweise halten viele Laien (und, wie sich rausstellte, auch so mancher Apotheker), Homöopathika für Phytopharmaka – nicht wissend, daß der Wirkstoff darin angeblich noch im Wassergedächtnis gespeichert ist, aber auf keinen Fall mehr real vorhanden. Ein Irrtum, welcher den einschlägig bekannten Herstellern nur zugute kommen kann.

Bald bat man mich darum, ein wenig zu diesem oder jenem Thema zu recherchieren und reagierte pikiert, als ich willkürlich vorgefertigte Meinungen (z.B. daß Artemisinine keine guten Malariamittel seien oder Sinupret hervorragend wirke) anhand von klinischen Studien demontierte. Das wissenschaftliche Arbeiten liege ihr nicht und interessiere sie auch nicht besonders, erzählte mir eine Apothekerin wenig überraschend, nachdem sie mir offenbart habe, daß sie aus rational nicht nachvollziehbaren Gründen an dieses oder jenes Medikament „nicht glaube“, mir aber empfehle, mich über Schüßlersalze zu informieren („Die helfen nämlich. Und die an der Universität lachen darüber.“). Empfehlungsbasis für die Kunden waren grundsätzlich nur die eigenen Erfahrungen vereinzelter Mitarbeiterinnen (und n war sehr selten größer als 1).

Aber damit endete der Wahn noch nicht. In der Apothekenbibliothek lagen einige „Bücher“ aus, die nach sorgfältiger Prüfung in den Katalog des Lesenswerten aufgenommen worden waren. Dabei ging es um die „Horvi-Enzym-Therapie“ oder, gerade frisch eingetroffen, um die anthroposophische Lehre der vier „Wesensglieder“ (die ich auch schon für die Universität hätte lernen sollen, also die Lehre von Äther- und Astralleib, dem physischen und dem Seelenleib, die, je nach Tageszeit und Gesundheitszustand, unterschiedlich miteinander verknüpft werden und übrigens auch durch das Durchleben von Kinderkrankheiten gestärkt werden sollen. Hier beginnt ein gefährlicher Übertritt in die Impfverweigerung, der in dieser Broschüre der Firma „Wela“ begonnen wurde).
Andernorts wurden Homöopathika beworben, die Quecksilber- und Chromverbindungen enthielten (mit dem erheiternden Hinweis, daß man sie nicht konsumieren solle, wenn man gegen einen dieser hochgiftigen Stoffe „empfindlich reagiere“). Bedenklich ist ebenfalls, daß Apotheken, welche solche Verdünnungen selbst herstellen, derlei Venena immer zur Hand haben (müssen). Das birgt ein unnötiges Gefahrenpotenzial für die Mitarbeiter.

Meine Favoriten aus der Bücherliste habe ich mir einmal ausgeliehen und sie eingescannt. Die „Meridiankomplex-Kombinationen“ bieten unter anderem Rezepturvorschläge für Gemische namens „Chakra 1/2/3...“ an, Indikation: zur Dämpfung des überaktiven 1./2./3. ... Chakra und der damit zusammenhängen Organe. Entgiftung mit Katalyse.“ Dabei handelt es sich natürlich um irgendwelche willkürlich zusammengestellen Homöopathika. Im selben Buch werden diese Mittel zur Behandlung von Polioviren empfohlen.



Das zweite Buch stammt von der DHU und behandelt die Antlitzdiagnostik und deren Therapie mit Schüßlersalzen. Immerhin: jetzt weiß ich, daß meine Augenränder vom Kalium phosphoricum-Mangel kommen und meine Weinerlichkeit von einem Mangel an Kochsalz… ach, Verzeihung. Ich meine natürlich „Natrium Chloratum D12“.



Es bleibt zu folgern, daß die Pharmazeuten leider genauso anfällig für Esoterik sind wie die Mediziner. Nicht umsonst sieht man in fast jeder Apotheke homöopathische Medikamente in der Sichtwahl und man wird vermutlich keinen Apothekenangestellten finden, welcher einem von derlei Humbug abrät. Merke also: auch Naturwissenschaftsstudium schützt vor Esoterik nicht... und das im 21. Jahrhundert.
Damit beschließe ich den ersten Teil dieser kleinen Serie. Im zweiten wird es um Korrespondenzen mit dem Gesundheitsministerium und anderen Instanzen gehen sowie um meine Recherche zum Thema Lobbytätigkeit.

Montag, 25. Juni 2012

Arrrrggggh-Update II - die volle Dröhnung

ACHTUNG! Ich bin umgezogen! Dieses Blog wird nicht mehr lange existieren; alle Einträge und sämtliche folgenden findet der geneigte Leser hier: Cloudpharming.

Es ist mal wieder Zeit für ein Update. Letzthin lief mir wieder so viel Irrsinniges über den Weg: es soll nun seinen Platz in meinem Blog finden. Nun, daß die Welt schlecht und voller Verrückter ist, wissen wir vermutlich alle schon lang. Aber man hat dieser Tage das Gefühl, daß es immer schlimmer wird. In Ägypten regiert nun eine Riege islamistischer Fundamentalisten, die jüngst verlautbaren ließen, es sei in der Scharia gesetzlich festgemacht, mit einer Frau nicht nur Sex haben zu dürfen, wenn sie über zehn Jahre alt ist, sondern auch sechs Stunden nach ihrem Tod noch den Geschlechtsakt mit ihr vollziehen zu können. Aber das nur am Rande. Beginnen wir mit den News aus einem schönen kleinen Sanatorium namens Vatikan.

Willkommen im 21. Jahrhundert, Ratzepoop!

Mein bester Freund Ratzepoop hat mal wieder einen so reichhaltigen wie sinnlosen Gesetzeskanon in die weite Welt entlassen, in welchem er - man höre und staune - Kindesmisshandlung und Pädoverbrechen unter Strafe stellt. Dies diene dazu, den Kindern eine sichere Umwelt zu garantieren, wenn sie sich mit den frommen Kirchenmännern abgeben. Doch damit hören die Überraschungen auch schon wieder auf und es folgt der unbedingt nötige nächste Punkt in der Tagesordnung - die Erniedrigung der Frauen. Denn - die Ernennung einer Frau zur Priesterin wird im selben Gesetzeskanon als schwere Straftat deklariert: gleichzusetzen mit der Kindesmisshandlung und mit denselben Strafen zu ahnden! Was soll man dazu noch sagen? Wirklich, mir fehlen die Worte.

Sie sind unter uns! Wirklich jetzt!!1

Zurück in zivilisierte Breiten... ach nee, Moment, doch nicht. In Österreich geht ja schon vieles schief. Granderwasser und Homöopathie, gewollte Anti-Laizität und ähnlicher Unfug quälen die kleine Alpenrepublik, aber daß es soweit geht, hätte ich nicht gedacht. Aber von vorn. Jeder kennt ja mittlerweile die selbsternannten "Truther". Ja, genau: das sind diese hobby- und lebenslosen Freunde, die sich sicher sind, mittels Internetanschluß und youtube Geheimnisse zu entschlüsseln, die zu vertuschen die Weltgemeinschaft der Juden/Geheimorganisationen/Spionagedienste/Regierungen/... seit Jahrzehnten und Jahrhunderten mit hohem Aufwand versucht. Sie sind einfach klüger als der gemeine Durchschnittsbürger und haben schon lange verstanden, daß "sie" unsere Gewässer, unsere Atemluft und unsere Freiheit im Visier haben. Und daß 2012 die Welt untergeht. Seit neuestem aber versuchen diese Wesen, nun auch mittels Musik und dergleichen auf sich aufmerksam zu machen, was in einem fürchterlichen Machwerk namens "Truth Rap" endete, der sich anhört wie das zusammenhanglose Gebrabbel eines mit halluzinogenen Drogen vollgepumpten Insassen der örtlichen Psychiatrie (auf einem Beat, den ein blinder Affe mit seinem prolabierten Rektum hätte erstellen können). So weit, so "gut".
Nun trug es sich aber zu, daß eben dieser Verrückte mit einer Wiener Schulklasse ein "Rap Projekt" veranstalten durfte, in dessen Rahmen sich mit all diesen hanebüchenen Theorien auseinandergesetzt wurde; die Schüler mußten am Ende sogar Poster über Chemtrails & Co basteln. Wer Kindern solch irrationalen, abartigen Ängsten aussetzt, hat in Sachen Bildung (wo waren die Lehrer? Wo die Schulleitung?!) völlig versagt... um's mal vorsichtig auszudrücken.

Yeah! Appeasement! Wooooo!

Man mag es kaum fassen und noch viel weniger mag man in Rheinland-Pfalz wohnen, wo der dort ansässige Justizminister nun verkündete, daß er islamische Schiedsgerichte grundsätzlich für garnicht mal so abwegig hält. Ja, steinigen geht dann halt nicht, ne? Damit müssen die Damen und Herren Muslime dann wohl leben, schränkte der gute Mann ein. Außerdem solle man doch mal "darüber nachdenken" (!), ob nicht vieeeelleiiiiicht die Frau der Scharia zufolge ein klitzeklitzekleines bißchen untergebuttert werde.


Naja, aber so schlimm ist das ja alles nicht. Selbst in Saudi-Arabien hackt man Dieben die Hände nur noch in einer einwandfreien Amputation unter Vollnarkose ab. Und die Kirche genießt hier ja auch einen Sonderstatus in der Rechtssprechung. Nun habt euch doch mal nicht so!

Den Fortschritt mit Füßen treten

Viel kann man dazu nicht sagen: die Masern sind zurück. Im letzten Jahr hat sich die Anzahl der Masern-Erkrankungen verdoppelt - eine Krankheit mit schlimmen Folgen und mitunter tödlichen Komplikationen, die man locker hätte ausrotten können, kehrt zurück... dank der mörderischen Überzeugungsarbeit ideologisch verblendeter Vollhonks, die sich, ihre Kinder und die Kinder anderer Leute gefährden, weil sie nie gelernt haben, wie man mit (erdrückender) Evidenz, mit Zahlen, mit Daten umgeht. Es ist zum Heulen! Wir haben die Mittel; niemand müßte mehr leiden. Eigentlich.

Der Gipfel 

Und nun noch ein kleines Ekel-Sahnehäubchen und der Grund, wieso man die Frankfurter Rundschau in die Tonne kloppen und nie mehr anschauen sollte: (Büchner-Preisträger!! Was für eine Schande) Martin Mosebach hat für die FR einen ekelerregenden Artikel geschrieben, in welchem er die Wichtigkeit der religiösen Zensur für Künstler und Gesellschaft darstellt. Der Artikel ist so schlimm, daß es mir all meine Geisteskraft abverlangte, ihn ohne Magenentleerung bis zum Ende durchzulesen. Die Zensur sei wichtig für das Volk, um Unruhen zu vermeiden, wichtig für die Gläubigen, um nicht geschmäht zu werden (von "Atheisten mit lückenhaften Bibelkenntnissen") - um endlich aufzubegehren und für den Künstler, der ja herausgefordert werde, wenn er seine Arbeit um ein Tabu herum neu arrangieren müsse.
Es gibt darauf eine sehr schöne Replik von Ingo Schulze, die eigentlich schon alles sagt.

Es ist an der Zeit, daß wir im 21. Jahrhundert aufhören, uns tyrannischen Vorstellungen von allmächtigen, sadistischen Vaterfiguren und deren dramatischen Auswirkungen wie Kindesmisshandlung (ob in Scharia oder der örtlichen Kirche), Unterdrückung von Frauen, Morden und anderweitiger Kriminalität zu beugen. Es wird Zeit für Vernunft.

 

Samstag, 5. Mai 2012

Der Irrsinn geht weiter

ACHTUNG! Ich bin umgezogen! Dieses Blog wird nicht mehr lange existieren; alle Einträge und sämtliche folgenden findet der geneigte Leser hier: Cloudpharming.

Der geneigte Leser weiß es vielleicht oder auch nicht, aber ich studiere neuerdings Pharmazie. Was für ein schönes Fach: Naturwissenschaften wie Chemie, Biologie und Physik kombiniert, Physiologie dazu, Arzneiformenlehre, klinische Pharmazie, Toxikologie, und, und, und... es macht Spaß und fördert das kritisch-naturwissenschaftliche Denken. Sollte man meinen.

In all meinen Fächern kam bis jetzt die beim Volke offenbar so beliebte Homöopathie zur Sprache. Nein, nicht zur "Ich weiß auch nicht, was die auf einmal alle haben; wir Naturwissenschaftler sehen doch, daß es dafür keinerlei Evidenz gibt und verstehen diese Entwicklung nicht"-Sprache, sondern zur "Ihr müßt etwas darüber wissen"-Sprache. Was ist das denn für eine neue, ekelhafte Art von Appeasement? Viele Leute wollen das, und deswegen muß ich Verdünnungen berechnen, die Geschichte der Homöopathie kennen und etwas über das "Homöopathische Arznei(sic!)buch" wissen? Was wäre, wenn viele Leute unsichtbare pinke Einhörner in Gesundheitsfragen konsultieren wollten? Müßte ich dann etwas über metaphysische Kommunikationsbahnen zwischen Erdlingen und besagten Entitäten wissen?

Glücklicherweise sind die meisten meiner Kommilitonen in diesem Sinne skeptisch und halten das für den gleichen Humbug wie ich. Und der Rest der Wissenschaftswelt. Allerdings sah ich im neuesten Chemieseminar-pdf, daß ich als Standard-Arzneibücher drei kennen muß: das EuAB, das DAB und das Homöopathische Arznei(sic!)buch. Es ist mir völlig (!) unbegreiflich, daß dieser hirnverbrannte Humbug so viel Zuspruch erfährt, daß er sogar in der Fachwelt populär gemacht wird: es differiert wirklich keinen Deut von der Einhornstory! Kein Unterschied!

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Als ich mich in trauter Studentengruppe darüber mal wieder aufregte, erhob sich plötzlich eine Gestalt aus der Masse und ließ mich großmütig an Ihrem Wissen teilhaben: "Du, äh, unterschätz' mal nich' den Placebo-Effekt!" erklang es aus dem ernstmienigen Gesicht. Ich war überrascht. Diese wichtige Information hätte ich natürlich sonst total übersehen! Wie KONNTE ich nur den Placeboeffekt unterschätzen? Im folgenden Gesprächsprotokoll werde ich besagte Dame mit AdI für "Advokatin des Irrsinns" aufführen.

Ich: Ja, Placeboeffekt ist schön und gut, aber das geht auch, ohne Patienten viel Geld aus der Tasche zu ziehen.
AdI: Das Gute daran ist, daß man die Nebenwirkungen umgeht!
Ich: Mhm, man umgeht allerdings auch die Wirkung...
AdI: Damit kann man Menschen helfen, der Placeboeffekt ist voll hilfreich! Alle die immer sagen, Homöopathie ist Humbug und so und Quatsch... das find' ich nicht gut...
Ich: Es IST aber Humbug. Besonders gut ist es, wenn Eltern das dann ihren Kindern geben und die dann hilflos und qualvoll an verschleppten Krankheiten sterben, wie es in Österreich neulich passiert ist.
AdI: Ja, in dem Fall dann eben nicht, aber bei leichteren Krankheiten, wenn's nicht gerade sowas ist, kann man das machen!
Ich: Wie wäre es, wenn ein Patient zum Arzt kommt und über Depressionen klagt, ist es dann auch okay, ihm Zuckerkügelchen zu verschreiben? Da ist nämlich keinerlei Wirkstoff drin. Die Frage ist auch, ob es medizinethisch korrekt ist, den Patienten zu verarschen. Für teures Geld.
AdI: Das ist korrekt! (Ohne Angabe von Gründen, sehr überzeugend) Und außerdem kommt es nur drauf an, ob die Leute daran glauben. (Die folgende umfassende Analyse hat mich dann sehr gefreut und mein Gehirn fast kollabieren lassen:) Das ist unser Problem. Wir haben den Bezug zum Glauben verloren!
Ich: ... ... ... (konsterniertes Schweigen ob dieser Dummheit) ... ja, äh, da redest Du dann wohl mit der Falschen.
AdI: (während sie entrüstet aufsteht, ihre so gesundheitsbewußte, nebenwirkungsarme Glaubenszigarette anzündet und flieht) ich bin auch kein gläubiger Mensch, aber trotzdem!
(AdI ab)

Vielleicht bringe ich der Guten mal einen Liter gut abgestandenen Einhornurins mit, das könnte gegen Hirnschwund helfen.

Gerade wir, die wir in der Pharmazie ausgebildet werden, sollten das wissen: wir lernen Chemie und Rezeptorfunktionen, wir lernen, wie rein man heute nachgewiesen funktionierende Wirkstoffe herstellen kann, wir lernen, was randomisierte Doppelblindstudien sind... und wir lernen, daß Samuel Hahnemann in einer Zeit, in der ein Arztbesuch oft den Tod bedeutete, auf Grundlage eines (fehlgedeuteten) Experiments großen Erfolg mit seiner "sanften" Behandlung feierte; wie man gut gelaunt (!) unendlich verdünnte Nicht-Mehr-Wirkstoffe zehn mal gen Erdmittelpunkt schütteln muß, um diese Zaubermittelchen zu kriegen; wie wenig Wirkstoff wirklich noch darin ist... und doch gibt es eine Anfälligkeit für diesen Mist. Es will mir nicht ins Hirn gehen, wie etwas, dessen Beweislast seit 200 Jahren erfolglos bei den Befürworten liegt, etwas, von dem keine einzige Studie je Nutzen oder Wirkung belegen konnte, so populär geworden ist: wie Hokuspokus nun auch Eingang in ein naturwissenschaftliches Studium finden konnte. Abermals bleibt nur eine Konklusion: traurige Welt.